Dienstag, 11. Oktober 2011

Das Neue Jahr

Am 1. Januar 1981 blieben wir E`s lange im Bett und schliefen aus. Im Gegensatz zu den Anderen auf dem Zimmer war ich immer noch der Frühaufsteher und 09.00 Uhr somit der erste der Aufstand. Die Springer hatten uns das Frühstück mitgebracht. Da Feiertag war gab es auch ein Stückchen Kuchen. Bengert hatte dafür gesorgt, das die Heizkörper warm waren. Wasser mit Duschtemperatur gab es auch. Da hatte er bestimmt die Springer rotieren lassen. Mir war`s egal. Ich genoss unter der Dusche das warme Wasser. Nach dem Frühstück quatschte ich mit dem UvD. Es war Beetz  der Dienst schieben musste. Er erzählte Werner hätte nicht alle Tassen im Schrank. Das war ja nun nichts Neues. Und weiter, fragte ich? Der hatte sich bei einer Übung 30 Schuss Leuchtspurmunition an Land gezogen.  Werner hatte über Silvester Wachdienst. Da hat er Mitternacht die Mumpeln in den Himmel gerotzt. Werner war wirklich nicht sauber. Genau so passieren Dinge die nicht passieren sollen.
Am nächsten Morgen zum Morgenappell erschien Roos relativ gut gelaunt. Er richtet ein paar mehr oder weniger nette Worte an uns, wegen des neuen Jahres. Im Anschluss ließ er Meißner und mich vortreten. Ich fragte mich, wegen was wird er denn uns schon wieder am Arsch haben? Roos rief, Soldaten Meißner und Müller stillgestanden, ich befördere sie rückwirkend zum 1. Januar zu Gefreiten. Verdattert sagte ich, ich diene der deutschen demokratischen Republik. Meise war genauso überrascht. Wir traten zurück ins Glied. Während ich noch darüber nachdachte warum er uns befördert hatte, rief Kümmerli das kost ein Teil. Wir trabten ab in den Fahrzeugpark, um die Silvesterreste aufzuräumen. Es lagen jede Menge abgebrannte Raketen herum. Zum zweiten Frühstück sagte Bengert ganz deprimiert, ich versteh das gar nicht, dass ich nicht befördert werde. Ich konnte es nicht mehr hören und sagte zu ihm, ich habe es dir schon hundert Mal erklärt. Wie kann man nur so stur sein, das ist doch nicht zu fassen!!! Eigentlich müsstest du doch auf die Nichtbeförderung stolz sein. Stattdessen sitzt du hier und jammerst rum. Mario blieb in seiner weinerlichen Stimmung. Am Nachmittag war wieder Wachvorbereitung, die immer mit der Wachbelehrung begann. Danach drückte Graichen, Meise und mir die neuen Schulterstücke in die Hand. Er hatte die genaue Anzahl im Vorfeld schon abgezählt. Es dauerte eine Weile bis wir sie an allen Kleidungsstücken gewechselt hatten.
Die nächsten Tage schoben wir verstärkt Wachdienst. Unter anderem stand ich wieder am KDL, 10.00 Uhr lösten Beetz, Kummer, Arno und ich die Truppe von Werner ab. Ich nahm mir noch eine Bockwurst mit an`s KDL, der Hunger ließ mir keine Ruhe. Ich lümmelte gelangweilt am Eingang und aß die Wurst. Eigentlich war das verboten, aber wo  kein Kläger war, gab es auch keinen Angeklagten, als ich das Müllauto kommen sah. Schnurstracks lief ich zum großen Tor und ließ das Auto passieren. Ich achtete auf das Müllauto nicht weiter, denn inzwischen kamen von der anderen Seite drei Fahrzeuge die die Kaserne verlassen wollten. Im vorbeifahren sah ich noch, es waren dieselben Müllmänner auf dem Auto wie immer. Ich ging zu dem UAZ der gerade die Kaserne verlassen wollte, als im letzten Jeep die Wagentüre aufgerissen wurde und ein Offizier heraus sprang. Laut schreiend, Gefreiter so geht das nicht, rannte er vor das Müllauto. Entgeistert starte ich zu dem Offizier. Wer war dieser Idiot? Ich schaute genau hin und erkannte ihn. Es war Major Pfeffer der stellvertretende Divisionskommandeur. Was macht denn der her, dachte ich verwundert? Normaler Weise gab die Wache durch wenn der Batailloner oder ein Offizier aus der Division auftaucht. Werner hatte wieder rumgetaumelt und es nicht gemeldet. Der brauchte wirklich mal die Schwarzdecke, dieser alte Plattenschrank. So etwas regte mich immer fürchterlich auf, den Sackgang konnte man sich ersparen. Werner wollte nach der Armee Polizist werden, aber der war ja selbst für einen Kantenlatscher zu blöd. Ich fragte den Major, was geht so nicht Genosse Major? Das sie das Müllfahrzeug hier reinlassen ohne es zu kontrollieren. Trotzig sagte ich, das sind dieselben Müllfahrer die vor 14 Tagen hier waren. Major Pfeffer tobte, Gefreiter es gibt Dienstvorschriften, da haben auch sie sich daran zu halten. Wo ist der Wachhabende? Im  KDL – Häuschen, sagte ich. Pfeffer stürmte ins KDL. Beetz hatte es schon lange mitbekommen was los war. Noch ehe Pfeffer losplärren konnte, sagte Beetz zu ihm, Genosse Major, das mit den Dienstvorschriften gilt auch für sie. Sie können nicht einfach den Wachablauf stören. Wenn sie Probleme haben, gehen sie zum OvD. Pfeffer brüllte, sie bezeichnen mein erscheinen als Störung? Während sich Pfeffer und Beetz behakten hielt ein weiter UAZ am KDL. Zu wem der gehört wusste ich genau. Es war das Fahrzeug von Roos, der wollte aus der Kaserne. Roos stieg aus und brüllte was ist hier los, Müller lassen sie mich sofort raus. Ich versuchte Roos zu erklären, das dass momentan nicht geht. Roos hörte nichts und sah nichts. Vor Wut bebend stürzte er ins KDL – Häuschen und traf natürlich auf Pfeffer. Der schrie Roos sofort an, Major nehmen sie Haltung an, was fällt ihnen ein hier rumzuschreien. Leise sagte ich zu Kümmerli, was für ein Theater, der Klassenfeind in der Mülltonne. Während Pfeffer noch Roos runterputzte sagte Beetz zu mir, kontrolliere die Müllkutscher und lass sie dann ins Objekt. Einer von den Müllfahrern hatte keinen Ausweis mit. Pfeffer rief, während Roos noch immer stramm stand, dann kann er nicht mit rein. Der Fahrer von den Müllmännern drehte sich zu Pfeffer und sagte, entweder kommen wir hier zu dritt hinein oder sie können ihren Müll alleine abfahren. Er habe dieses alberne Affentheater satt. Pfeffer sagte zu Beetz kommandieren sie einen Soldaten ab, der das Müllfahrzeug begleitet. Beetz schaute mich an, ich machte mich auf die Socken. Die Müllmänner schüttelten den Kopf, bei euch ist ja was los. Das hätten sie überhaupt noch nicht erlebt. Ich zog mein Maßband, keine 120 Tage mehr sagte ich zu ihnen.
Pfeffer drehte mit seinem Anhang um und fuhr zum Batailloner. Solche „wichtigen Angelegenheiten“ musste er persönlich klären. Den Klassenfeind im Müllfahrzeug einschleusen, das ging ja nun wirklich nicht.  Für uns war es ein innerer Parteitag, das Roos strammstehen musste und ich war gespannt, was die Geschichte noch für ein Nachspiel hatte. Es hielt sich in Grenzen. In Zukunft sollte jedes zivile Fahrzeug von einem Soldaten begleitet werden. Da konnte man nur hoffen dass nicht zu viele auf einmal kamen. Anfänglich rechnete ich wenigstens mit einem Donnerwetter, nichts der Gleichen. Ich überlegte warum wohl? Nach einigem nachdenken kam ich zu dem Schluss, dass der Batailloner in der Klemme steckte. Wenn man Haarspalter war, hatte ich keinen Dienst nach Vorschrift gemacht. Pfeffer hatte selbst als stellvertretender Divisionschef nicht das Recht eigenmächtig in den Wachablauf einzugreifen. Andererseits war er der Chef vom Batailloner. Und der blieb seiner Linie treu, Teppich hoch und alles drunter.
Eine Woche später kam es zu einem Wachvorkommnis der schwereren Sorte. Die 2. Kompanie hatte Wache. Bei der Wachablösung hatte einer der Uffze. die abgelöste Wache zum Platz geführt, wo die Magazine aus der MPI entfernt wurde. Vorschriftsmäßig kontrollierte er das keine Patrone im Lauf war. Nur bei sich selber sah er es locker. Er hatte vergessen sein Magazin vorher zu entfernen. Er lud durch, in der Gewissheit sein Magazin entfernt zu haben, schaute er gar nicht erst in das Gewehrschloss und drückte ab. Da er den Hebel auf Dauerfeuer gestellt hatte, schoss er das Magazin leer. Dreißig Schuss über die Mauer. Glücklicher Weise war niemand verletzt worden. Er muss wohl in eine Art Schockzustand gefallen sein, als er den Abzug betätigte. Anders konnte ich es mir nicht erklären, dass er den Finger nicht vom Abzug bekommen hatte. TB 4 wäre nicht TB 4, der Vorfall wurde todgeschwiegen. Es wurde von offizieller Seite weder darüber gesprochen, geschweige denn irgendetwas ausgewertet. Der Uffz. blieb Uffz. und zusätzlich blieb ihm das Gespött der Soldaten.   
Eines Abends kamen wir von der Wache. Wir hatten gerade die Waffen abgegeben, als ich Uffze. Remus und Böhr beim UvD tuscheln sah. Ich schenkte der Sache weiter keine Bedeutung, das kam ja alle Tage vor. Als ich Duschen ging, nahm mich Chaleri bei Seite. Du meinte er, pass mal auf Böhr und Remus auf. Was ist denn los, wollte ich wissen? Die haben heute die Schwarzdecke bekommen, wir haben sie ordentlich vermöbelt bis sie liegen blieben. Haben sie erkannt wer es war? Glaube ich nicht, meinte Chaleri. Wir haben uns den Schlüssel von der BA - Kammer besorgt und haben sie dort aufgelauert. Wir hatten erfahren dass sie heute Wäsche tauschen wollten. Sie haben bei Roos Meldung gemacht und nun forschen sie auf eigene Faust. Jetzt war mir klar warum sie beim UvD waren. Sie wollten bestimmt von ihm wissen, wer in der BA – Kammer war. Ich erzählte es Chaleri. Zuviel wissen über den Zwischenfall wollte ich nicht, wer nichts wusste konnte auch nichts erzählen. Der Kreis der Verdächtigen war sowieso nicht allzu groß. Ich unterhielt mich mit Ammling darüber. Der meinte zu mir, seit froh das ihr auf Wache wart, Böhr und Remus wollen zum Militärstaatsanwalt. Das hatte irgendeiner Roos gesteckt und der ist zum Batailloner gesaust. Zirl bemühte sich persönlich auf unsere Kompanie. Er nahm den Kreis der Verdächtigen und die beiden Uffze. zu einer Aussprache zusammen. Danach konnte er wieder den Teppich hochheben und etwas dazu legen.

Montag, 10. Oktober 2011

Die geilste Feststellung aller Zeiten


Die Urlaubszeit war ran. Voller Freude fuhr das erste Viertel unserer Truppe in den Urlaub. Es wurde ruhiger in der Kaserne aber nicht lange. Nach zwei Tagen waren sie wieder eingetrudelt. Fünf Soldaten kamen zu spät aus dem Urlaub. Es waren keine Soldaten von unserer Kompanie darunter. Der Batailloner war außer sich und veranstaltete einen Bataillonsappell. Die kurze Ansprache verfehlte seine Wirkung total, sie war mehr erheiternd. Ein Satz grub sich für immer in mein Gedächtnis ein, das Bataillon brüllte vor lachen. Er stand vor der Truppe und sagte, da gibt es Soldateen, denen gefällt es zu Hause tatsächlich besser wie uuns. Das war das Non plus Ultra aller Feststellungen. Am 24.12. konnte ich in den Urlaub verschwinden. Weihnachten in Familie, in der Eigenen. Das erste Mal, dass war schon was besonderes, auch für Conny. Es waren zwei Tage die ich intensiv mit meiner Familie genoss. Wir gingen spazieren, besuchten Freunde und Verwandte und schon waren die zwei Tage Urlaub um. Eigentlich bekam man von dem realen Familienleben gar nichts mit. Jeder zeigte sich von seiner besten Seite. Sorgen, Kummer oder Nöte wurden von einem fern gehalten. Man konnte es oftmals gar nicht nachvollziehen, was die Menschen im zivilen Leben aktuell bewegte. Das die Armee eine andere Welt war bekam man immer deutlicher zu spüren. Die Ängste die einen selber bei der Armee bewegten, waren in erster Linie die um die Partnerin. Da unterschieden sich einfache Soldaten gar nicht so sehr von den Berufssoldaten. Bei den Einen war es die Entfernung zum Partner die das Leben schwer machten, bei den Anderen der Alkohol der so manche Partnerschaft ins wanken brachte. Im DDR Fernsehen gab es so gut wie keine Reklame, es mangelte eh dem an allem. Dem DDR Bürger war der Unterschied zwischen der Scheinwelt des Fernsehens und der realen Welt nicht so bewusst wie dem Bürger der BRD. Im DDR Fernsehen kamen viele Werbefilme über die NVA. Arbeitskräfte, Soldaten, Unteroffiziere und Offizier wurden immer gesucht. Arbeitslose kannte die DDR nicht. Dem DDR Bürger wurden mit solchen Werbefilmen das interessante und verantwortungsvolle Leben bei der NVA schmackhaft gemacht. Viele zerbrachen an der Realität und suchten Trost im Alkohol.
Am 27.12. nahm mich die Armee wieder „liebevoll“ in ihre Arme. Andere wollten auch in den Urlaub. Bevor der Jahreswechsel anstand wurden wieder einige zur Unterstützung der Feuerwache abgestellt. Mir blieb das diesmal erspart.
Ich hatte mir keinen Schnaps aus dem Urlaub mitgebracht, es gab schon genug auf der Kompanie und die Sattelfahrer hatten mich zum Umtrunk eingeladen. Zwei Tage vor Silvester wurden in der DDR Raketen und Knallzeug verkauft. Am 30.12. hatte mein Busenfreund Luderer vom Major  den Befehl erhalten hinter dem Kompaniegebäude die über die Mauer geflogenen Silvesterartikel aufzusammeln. Klar dass er da mich mit dazu abstellte. Mit Arno und Eimer zog ich los. Hinter dem Kompaniegebäude befand sich die Sturmbahn und zu der gehörte auch der Fuchsbau. Ich schaute in die Betonröhre, selbst dort waren Raketen gelandet.  Ich kletterte hinein und fand neben den abgebrannten Raketen zwei Schnapsflaschen. Wie konnte man nur so blöd sein, die in der Röhre zu verstecken. Ich freute mich riesig über den unerwarteten Fund. Ich sagte zu Arno, schau mal was ich gefunden habe. Auch er bekam das große Grinsen und meinte, so doof können doch nur Springer sein, die Schnapsflaschen hier unten abzutarnen. Wenn sie uns gefragt hätten, wären sie sicher gewesen. Jetzt haben sie den Schaden. Im Eimer versteckt brachte ich sie auf die Kompanie. Wer in den Urlaub fuhr ließ prinzipiell seinen Spindschlüssel da, damit unter anderem solche Dinge versteckt werden konnten. Selbst Roos traute sich nicht an die Spinde rann, da hätte er die Schlösser knacken müssen. Ohne Anlass war so eine Aktion ein ganz heißes Eisen und brachten gewaltigen Arger ein.
Genauso wie die E´s vor einem Jahr wollten wir Punkt Mitternacht das Nachhause gehen üben. Wir waren schon alle ganz wuselig. Einige von uns hatten sich erkundigt, wer OvD am Silvesterabend hat. Hauptmann Pemsel, das war gut so, der wusste wie es am Silvesterabend lang geht und außerdem hat er immer selber Durst. GOvD hatte Unterleutnant Grohmann. Der war erst Ende Oktober von der Offiziersschule gekommen. Er hatte von uns den Namen Hans Moni verpass bekommen. Der lief immer so als ob er hinten einen drin hatte. Wenn er in den Ausgang ging setzte er sich eine Baskenmütze auf und wackelte von dannen. Es war ein Bild für die Götter. Den nahm hier keiner so richtig für voll, der musste sich seine Meriten noch verdienen. Als Vierjähriger hatte er ja noch genügend Zeit dazu. Am 31.12. war Dienst bis Mittag. Am Nachmittag ging ich zum Bataillonstelefon um  nach  Hause zu telefonieren. Das Telefon war lange gesperrt gewesen. Die Post hatte mitbekommen das hier viel schwarz telefoniert wurde. Da gab es bestimmt  einige Reibereien zwischen den Verantwortlichen bei der Post und den Stabsoffizieren. Auch ich benutzte meine Kelle zum telefonieren. Allerdings musste ich eine knappe Stunde warten, es standen etliche Soldaten vor und hinter mir. Es war nur Vater zu Hause. Tobias war schon bei seinen Kumpels. Vater jammerte rum, dass Tobias wieder sturzbetrunken  nach Hause kommen könnte. Ende September war in Dresden Herbstfest gewesen, da kam die Eibauer Schwarzbierbrauerei mit ihren Tankern vor gefahren. Schwarzbier war eine Rarität in der DDR. Die Männerwelt stand Schlange. Wartezeiten  von einer Stunde waren keine Seltenheit. War man endlich dran bestellte man gewöhnlich gleich bis zu 10 halbe Liter. Biertrinken ging man ja auch nicht alleine. Es dauerte eben alles seine Zeit. Tobias ließ sich extra Krank schreiben damit er mit seinen Kumpels dahin gehen konnte. Früh um 10.00 Uhr war er losgezogen. Abends um 10.00 Uhr haben sie ihn nach Hause getragen. Vater war über seinen Liebling entsetzt gewesen. Er hatte es mir auch gleich geschrieben. Sie hatten ihn mit Sachen in die Badewanne gepackt und ihn kalt abgeduscht. Dass das nicht hilft hatte ich am eigenen Leib erfahren, aber erst bei der Armee. Mich freute es eigentlich, dass sein Lieblingssohn noch schlimmer wie ich war. Denn als Lehrling hatte ich mir so etwas nicht getraut. Nun hatte Vater Angst es könnte wieder so enden.
Conny anrufen ging leider nicht, sie hatte kein Telefon. Ein Telefon in der DDR zu bekommen war ein Unding. Entweder man war privilegiert, es war dienstlich notwendig oder man hatte einfach Glück gehabt. Vater hatte ein Telefon aus dienstlichen Gründen bekommen. Er hatte viel Unfallbereitschaft. Es war auch kein Telefon der Post, es gehörte der Reichsbahn. Die hatte ein eigenes Netz. Wollte man aus dem Bahnnetz in das der Post telefonieren musste ein Null vorgewählt werden. In das Bahnnetz rein zu telefonieren ging ohne Vorwahl. Die Telefonnetze waren total veraltet. Ich hatte immer so das unbestimmte Gefühl, die Regierung wollte den Ausbau und die Modernisierung der Netze gar nicht. Das hätte die Überwachung der Bürger nur noch schwerer gemacht. Aber egal damit musste ich mich nicht Silvester befassen. Wir schauten die Silvesterschau der ARD. ich freute mich des Lebens und war froh an so einem Tag keine Wache schieben zu müssen. Werner den alten Plattenschrank hatte es von den Uffzen. erwischt und einen Teil des zweiten Diensthalbjahres. Eine Viertelstunde vor Mitternacht gingen wir vor die Kompanie und reihten uns in die Kolonne, die um den Exerzieplatz zog. Das waren nicht nur wir E`s, die Zwischenschweine gingen ja auch 1981 nach Hause aber eben erst 81 II. Die Resis vom Sanitätsbataillon waren auch da. Aus hunderten Männerkehlen erklang der Ruf, nach Haus, nach Hause, nach Hause. Immer wieder von vorn und immer lauter. Hans Moni stand am vergitterten OvD Fenster. Er heulte wie ein Schlosshund. Der Zug blieb vorm Fenster stehen und tobte Hans Moni, Hans Moni. Er nestelte an seiner Pistolentasche. Pemsel trat hinzu und klopfte ihn beruhigend auf die Schulter. Ein Resi vom Sanitätsbataillon war inzwischen auf das Dach seiner Kompanie geklettert und spielte auf einer Trompete Il Silenzio. Wenn er auch nicht jeden Ton traf, es war einfach nur geil. Der Hof brodelte und tobte Zugabe, Zugabe. Keiner interessierte sich mehr für Hans Moni. Eine halbe Stunde ging das so. Langsam löste sich der Umzug auf. ich ging zu Chaleri aufs Zimmer und nahm die eine noch übrig gebliebene Schnapsflasche mit. Auf dem Zimmer von Chaleri saßen auch Springer und Zwischenschweine rum. Ich stellte die Wodkaflasche auf den Tisch. Auf einmal sagte einer der Springer, genau so eine haben sie mir gemaust. Chaleri schaute ihn an, wieso habe ich nichts davon erfahren, dass du Schnaps auf die Kompanie geschmuggelt hast. Der Springer wurde ruhig. Ich sagte zu ihm, na dann nimm erst einmal einen kräftigen Schluck bevor Chaleri dir heute noch den Kopf wäscht. Die gemütliche Feier endete offen, ein jeder ging ins Bett wenn ihm danach war.

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Vorweihnachtszeit und Wehrkunde


 Lutz und ich machten uns auf in den Ausgang. Unser Besuch galt vor allem dem Centrum – Warenhaus am Anger. Soviel Zeit war ja auch nicht mehr bis Ladenschluss. Aber wir bekamen dass was wir kaufen wollten. Im Anschluss bummelten wir über den Anger. Ich vergrub meine Hände tief in den Manteltaschen, es war nasskalt und es fing an zu schneien. Am liebsten hätte ich auch noch meinen Kopf im Mantel verschwinden lassen. Auf einmal rief jemand, Genosse Soldat nehmen sie ihre Hände aus den Taschen. Die Aufforderung klang nicht böse aber bestimmt. Lutz und ich drehten uns um, es war Major Bernd vom Bataillonsstab der mich dazu aufforderte. Erschrocken zog ich meine Hände aus den Taschen nahm Haltung an und grüßte. Lachend meinte er, nicht so förmlich aber mit den Händen in den Taschen, das sieht nicht gut aus. Er war mit seiner Frau ebenfalls auf Einkaufsbummel. Freundlich lächelte sie herüber. Sie war ungefähr Mitte 40 genauso wie der Major. Major Bernd war von der Figur her stark untersetzt, sein Bauch war gewaltig. Aber er war ein umgänglicher Offizier mit einem Hang zum freundlichen. Er wünschte uns noch viel Spaß im Ausgang. Wir grüßten noch einmal und gingen. Es kam selten vor das wir eine Offiziersfrau zu Gesicht bekamen. Nur Frau Roos kam ab und an mal auf die Kompanie. Im Gegensatz zu ihrem Gatten war sie ein netter Mensch. 
Lutz und ich bekamen Hunger. Wir wollten in eine Gaststätte. Es war schwierig  eine im Zentrum zu finden. Alle waren sie voll. Wohl oder Übel mussten wir in einer Tanzbar das Essen einnehmen. Das war keine billige Angelegenheit. Nach dem Essen tranken wir noch zwei Bier und wollten eigentlich bezahlen, als sich zwei junge Damen an unseren Tisch setzten. Charmant lächelten sie rüber, Lutz lud sie auf eine Flasche Wein ein. Was sie dankbar annahmen. Auch so zeigten sie sich recht offen. Lutz musste mal für kleine Jungs, die Damen meinten sie müssten auch einmal und gingen hinter her. Aufgeregt kam Lutz zurück und sagte, die Toilettenwände in der Lokalität wären recht dünn, da hätte er das Gespräch zwischen den beiden Damen gehört. Die wollen uns richtig wie Weihnachtsgänse ausnehmen, dann verschwinden und uns mit der Rechnung sitzen lassen. Schnell bevor sie wieder an den Tisch kamen sagte ich zu Lutz, lass uns den Spieß umdrehen und schob ihn schon mal meine Gardarobenmarke zu. Als sie platz genommen hatten fragte ich die Beiden, wie es mit Sekt wäre, sie strahlten. Sucht euch nur aus was euch schmeckt und dann bestellt ihr zwei Flaschen, sülzte ich weiter. Ihre Augen fingen an zu glänzen. Der Kellner brachte vier Gläser zu den Flaschen. Eine Flasche kam im Übrigen 35 Mark.  Wir ließen es uns die nächsten zwei Stunden richtig gut gehen. Den Sekt verdünnten wir kräftig mit Bier. Wir machten uns bekannt. Die Damen stellten sich vor, eine hieß Ulrike, die andere Kerstin. Ulrike fragte ob sie Sekt nachbestellten könnte. Ich nickte generös. Lutz meinte ihm wird schlecht, er muss mal auf die Toilette und stieß mich mit dem Fuß an. Ich schimpfte mit ihm, dass man sich mit ihm nur schämen könnte. Als er nach 5 Minuten noch nicht zurück war, entschuldigte ich mich bei Ulrike und Kerstin. Ich schau mal nach ihm, bin gleich wieder da. Freundlich grüßend lief ich an der Gardarobe vorbei und verschwand aus dem Tanzlokal. Wir nahmen die Beine unter die Arme und verschwanden in der Dunkelheit der Nacht. Lachend meinte Lutz, die Rechnung dürfte die Höhe deines und meines Soldes erreicht haben. Von wegen zwei Soldaten ausnehmen  wollen. Das hatten die Beiden sich verdient die Rechnung von den einzig wahren E`s zu übernehmen.
Anfang Dezember kamen die Resioffiziere. Es sollten die Ersten von einer ganzen Resiwelle sein. Wegen Polen meinte VW müssten die Reserveoffiziere auf Vordermann gebracht werden. Sie schliefen eine Etage unter uns, auf dem selben Gang wo die Militärkapelle ihr Domizil hatte. Eines Abends tauchte einer von den Offizieren im Fernsehraum auf. Wir schauten uns an, was würde er wohl sagen, wenn wir auf den Klassenfeind umschalteten. Los umschalten sagte ich zu Arno. Der schloss die beiden Flachbatterien an das Fernsehgerät. Wir schauten an dem Abend die ARD. Der Offizier sagte nichts. Am nächsten Abend saßen fünf von der Sorte vorm Fernseher. Laut sagte ich in den Raum ohne jemanden direkt anzusprechen, ein schönes Fernsehprogramm, da kann man nur hoffen dass wir das auch in Zukunft schauen können. Einer der Offizier meinte, an uns soll es nicht liegen. Die Resis waren ganz in Ordnung. Wir kamen gut klar mit ihnen. Die meisten hatten sowieso keine Ahnung von der Technik und waren froh wenn sie ihre Ruhe hatten.
Vor Weihnachten sollte noch unser Zimmer auf Hochglanz gebracht werden. Meise holte Springer auf unser Zimmer. Eigentlich hatte sich eingebürgert das Sperling und Krause für unser Zimmer verantwortlich waren. Wurde es mit der Arbeit mal richtig dicke, holten wir uns noch den kleinen Müller dazu. So war es auch diesmal. Inzwischen kam man sich auch menschlich näher. Sperling wohnte in Dresden auf der Nürnberger Straße, das war gerade mal einen Kilometer weg von mir. Da gab es immer was zu erzählen. Krause war der Kleinste auf der Kompanie, Meise taufte ihn auf den Namen Krause – Huddel. Huddel war eine sächsische Bezeichnung für Nuckel. Beide hatten sich ganz gut an das neue Umfeld angepasst. Sperling war der Chef bei den Springern und Krause - Huddel der Giftzwerg. Das konnte man von dem kleinen Müller nicht sagen. Er war ein richtig ängstlicher Typ. Wer Angst hat macht auch viel verkehrt, so war es auch bei ihm. Wir hatten ihn den Namen Taumelmüller verpasst. Ich erklärte ihnen, wie die Reinigungsaktion abzulaufen hatte. Genauso wie ich im ersten Diensthalbjahr, mussten sie Betten und Spinde auf den Flur räumen und sich über den Fußboden her machen. Das rief bei ihnen natürlich keine Freude hervor, da mussten sie durch. Uschi stichelte immer wieder und beschäftigte die Springer mit sinnloser Zusatzarbeit. Ich sagte zu ihm, hör auf damit, wenigstens so lange bis sie mit ihrer Arbeit fertig sind. Eigentlich hätte ich schon eher einschreiten sollen. Krause hatte sich hochgeschaukelt und giftete gewaltig gegen Gott und die Welt. Anders ausgedrückt, gegen die EK`s und die Bewegung. So wie Bengert guckte konnte das nicht gut gehen. Nach Beendigung der Arbeit schnappte er sich Krause und Uschi zog ihm die Gasmaske über. Er wehrte sich verzweifelt, hatte natürlich keine Chance. Sie schraubten den Gasmaskenschlauch vom Filter ab und hielten ihn über den vollen Aschebecher und drückten den Schlauch zu. Ich stellte mich abseits und schaute zu. Natürlich hätte ich sagen können, Aus, Schluss aber ich wollte nicht. Krause war schon ganz schön ausfällig geworden aber ich hätte das anders gelöst.  Ich beobachtete wie sich die einzelnen Beteiligten verhielten. Dietmar zog sich zurück und setzte sich auf sein Bett, der Rest vom Zimmer war eifrig bei der Sache. Sperling kochte vor Wut, getraute sich aber nichts zu sagen und Taumelmüller viel vor Angst bald aus den Latschen. Als Krause die Luft so langsam aber sicher unter der Gasmaske knapp wurde, ließ Uschi den Gasmaskenschlauch los. Krause nahm einen gewaltigen Hieb aus dem Aschebecher.  Wer den Schaden hatte brauchte für den Spott nicht zu Sorgen. Aus pädagogischer Sicht war das ein Schlag ins Wasser, Krause wurde noch giftiger.
Im Vorfeld der Weihnachtsfeiertage hatte sich der Batailloner Gedanken gemacht, wie er 90 Prozent der Soldaten in den Urlaub brachte ohne die Gefechtsbereitschaft zu beeinträchtigen. Ich fand das bemerkenswert, dass er sich für uns bemühte. Der alte Batailloner hatte die Truppe über die Feiertage gedrittelt, Zirl viertelte sie. Er schickte vor allem Junggesellen in die Vorweihnachtszeit. Sie bekamen vom 21. – 23.12. Urlaub. Außer Uschi bekam jeder von unserer Kompanie Urlaub. Ich konnte mir schwer vorstellen, das dass Zufall war. Irgendjemand wird es Roos schon zugetragen haben, die Geschichte mit der Gasmaske.
Aber nicht nur der Batailloner machte sich Gedanken. Auch die Verwandtschaft und die Freunde machten sich Gedanken. Es stapelten sich in den Spinden wieder die Stollen. Ich hatte Gott sei Dank in diesem Jahr nur einen bekommen. Aber Rudi hat vier Stück im Spind liegen. Da würden wir bestimmt noch Ostern davon zehren. Heinz hatte mir ein Paket mit Zigaretten geschickt, es enthielt eine Stange Club und eine HB. Das half wirtschaften, mit der Menge kam man ein Stück. Außer mir auf dem Zimmer rauchten, Meise und der lange Müller. Bernhard raucht auch hin und wieder Pfeife. Wenn er sie rauchte verbeitete sich ein angenehmer Geruch von Vanille. Die Umgangssprachliche Bezeichnung für die Tabaksorte war Pudding.
Die Vorweichnachtszeit hielt noch eine andere Überraschung parat. In den polytechnischen Oberschulen
hatte man in der 10. Klasse ein neues Fach eingeführt, den Wehrkundeunterricht. Die Jungen und Mädchen sollten auf die Armeezeit vorbereitet werden. Die Mädchen konnten sich für den Sanitätsdienst freiwillig melden. An einer Schule in Neustadt an der Orla sollte diebezüglich ein  Geländespiel stattfinden. Diese Ausbildung wurde von der Kampfgruppe eines ansässigen Betriebes organisiert. Begleitet werden sollte die Maßnahme von regulären Soldaten. Wie die gerade auf unsere Truppe kamen, blieb mir ein Rätsel. Denn bis Neustadt an der Orla waren es ca. 70 km. Auf den Weg nach Neustadt lagen zig Kasernen. Jedenfalls wurde ich mit zu der Schulveranstaltung abkommandiert. Früh 7.00 Uhr ging es los. Als wir in Neustadt ankamen hatte das Geländespiel schon angefangen. Feldwebel Scheinert teilte uns
den einzelnen Posten zu. Wir kamen zum vorletzten Posten nur Massi und ich waren noch nicht aufgeteilt.
Der Posten war der Verpflegungsposten. Beide wollten wir hier bleiben, wir losten. Das Glück war mir hold, ich durfte hier bleiben. Zwei Stunden später lag ich betrunken im Verpflegungszelt und schlief meinen Rausch aus. Von dem Geländespiel hatte ich nicht viel mitbekommen. Im Anschluß war Auswertung des Spieles in der Schule. Wir Soldaten waren mit eingeladen. Wie sich Lehrer so benehmen konnten, ich war richtig entsetzt. In zwei Gruppen gespalten beschimpften sie sich auf das Übelste. Sie wurden richtig persönlich. Solche Konsorten sollten einmal meinen Sohn unterrichten, das konnte doch nicht wahr sein. Das Verhalten der Lehrer  war schlichtweg asozial. Es stand neben jeglicher Norm. Einer der Lehrer hatte für uns Soldaten in einer Gaststätte Abendbrot organiesiert. Ich fragte ihn, ob das immer so an der Schule ist. Er schaute sich verstohlen um und sagte ja nicht nur an dieser. Ich wollte es ihm gerne Glauben, denn in der Lehre hatt ich andeutungsweise mitbekommen was hinter den Kulissen läuft.

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Anschnitt, Freizeit und Anderes


Der November  ging dem Ende entgegen, wir näherten uns immer mehr den ominösen letzten 150 Tagen. Den Bandmaßanschnitt hatten wir auf das erste Novemberwochenende gelegt. Fleißig wurden schon die Alkoholvorräte gehortet. Im Vorfeld der Feierlichkeiten mussten noch die Springer festgelegt werden, die den Anschnitt vollzogen. Die Sattelfahrer suchten einen raus und wir Tankerfahrer legten ebenfalls auf einen fest, bzw. sie überließen es mir einen fest zu legen. Im Allgemeinen galt es als große Ehre für den Springer, dieses Ritual vollziehen zu dürfen. Ehrlich gesagt, ich war froh das man mich damals damit in Ruhe gelassen hatte. Schon die Anzugsordnung für den Springer fand ich sehr merkwürdig um nicht zu sagen  erniedrigend. Aber andere sahen es nicht so verbissen. Chaleri nahm einen Springer aus seinem Nachbarort Nochten. Ich hatte mich schon bei Zeiten auf einen Kandidaten festgelegt. Immer wenn die Neuen kamen schaute man ob ein bekanntes Gesicht darunter war. Diesmal kannte ich eines, wenigstens vom sehen. Der Frischling wohnte wirklich nur zwei Straßenecken entfernt von mir auf der Hübnerstraße. Eines Tages sprach ich ihn an. Genauso wie wir im ersten Diensthalbjahr standen die Springer auf den Flur und mühten sich die Zeltplane vorschriftsmäßig zu falten und sie hatten dieselben Schwierigkeiten damit, wie wir sie hatten. Ich ging zu ihm hin und erklärte ihm die kleinen Tricks. Neubert hatte mir damals auch geholfen. Ich fragte ihn ob er auf der Hübnerstraße wohnt, er nickte. Ich sagte, ich komm von der Winkelmannstraße. Er schaute mich an, jetzt wo du das sagst, klar habe ich dich schon einmal gesehen. Wir quatschten eine Weile bis Uffz. Remus sich darüber echauffierte. Ich sagte zu Holger, so hieß er mit Vornamen, lass den Remus nur spinnen, in ein paar Wochen lachst du darüber. Remus war der Uffz. der sich mir menschlich überhaupt nicht erschloss. Sein Wesen war wie eine erstarrte Maske. Schaute man ihn an wusste man nicht, ist es Hochmut, Dummheit, Eitelkeit oder nur Angst ihn zu durchschauen, die aus seinem Gesicht starrten. Chalerie meinte, der ist dumm, so einfach ist das. Er hatte sich des Öfteren mit Remus angelegt und polterte der wird so langsam fällig für die Schwarzdecke. Ich entschied, Holger wird unser Bandmaße anschneiden. Samstag am späten Nachmittag ging es los. Mit den Uffzen. gab es niemals Schwierigkeiten, denn in jedem dritten Diensthalbjahr wurde wenigstens einer von ihnen ein E. Wir verdunkelten den Korridor und stellten 22 Stubenhocker in Reih und Glied auf. Während wir uns in lockere Freizeitbekleidung schmissen, einige hatten sich von zu Hause einen Schlips besorgt, mussten unsere zwei Springer lange Unterwäsche anziehen. Das weiß der Unterwäsche war angemessen für unsere Feier. Dazu legten sie ihr schwarzes Koppel an und schlüpften in ihre  Knobelbecher . Als Kopfbedeckung trugen sie den Stahlhelm mit einer Kerze obenauf. Diese wurden dann kurz vorm Anschnitt angezündet. Wir schmückten unser Haupt wieder mit der Kragenbinde, die mit der Aufschrift EK 81 I versehen war und stellten uns auf die Hocker. In der Hand hielten wir unser ausgerolltes Maßband. Am anderen Ende des Maßbandes befestigten wir den Stahlhelm. Während der eine Springer ein Kopfkissen mit der Schere trug, schnitt der andere mit dieser den ersten Zentimeter ( 150 ) vom Maßband ab. Laut polternd schlug der Helm auf die Fliesen, wir schrieen  EK. Das ging 22 Mal so. Im Anschluss machten wir ein Gruppenfoto, zur Erinnerung an die schöne Feier. Überhaupt wurde diese Zeremonie von Dietmar bildlich genau festgehalten. Wir feierten bis in den Morgen, es war eine geile Feier. Als E hatte man reichlich Freizeit, wenn man nicht gerade Wache schob. Ich nutzte die Zeit um Conny mit Briefen einzudecken. Ich schrieb ihr nun fast täglich und bekam genauso viel Post von ihr. So war ich bestens über unseren Sohnemann informiert. Conny gestaltete die Briefe mit viel Liebe. Das ließ mich hoffen dass unsere Zeit nach der Armee eine Glückliche werden wird. Außerdem schrieb ich nun öfters mal an Nährius. Der diente ja in Berlin beim Wachregiment. Andreas hatten sie ein Jahr eher gezogen wie mich. Als Dreijähriger musste er noch ein halbes Jahr länger dienen . Dafür war er Unteroffizier. Aber ich glaube beim Wachregiment waren sie fast alle wenigstens Uffz. Man dachte nun schon öfters mal über den Wehrdienst nach. Für mich war es die richtige Entscheidung gewesen mit den 1 ½ Jahren. Diesen Stumpfsinn den man hier erlebte wollte ich keinesfalls 3 Jahre erleben und ich brauchte es ja auch gar nicht. Als Uffz. stand man auch immer zwischen den Fronten und selber waren sie sich untereinander auch nicht grün. Wenn ich solche Typen wie den alten Plattenschrank Werner sah und ihn mit Ammling verglich, da waren schon Welten dazwischen. Die konnten sich gar nicht grün sein. Das Einzige was ich interessant fand war der Offizier auf Zeit. Da gab es ordentlich Kohle und man war nicht irgendwer. Da ich kein Abitur hatte kam ich dafür nicht in Frage. Außerdem wusste ich bis zum Antritt meiner Dienstzeit gar nicht dass es so etwas gab. Aber im Großen und Ganzen war die Armee ein armseliger Verein, das spiegelte sich auch bei den Berufsoffizieren und Unteroffizieren im täglichen Leben wieder. Trost fanden sie oftmals nur im Alkohol und von unserer Truppe wurden immer wieder welche aufs Trockendock gepackt. Zurzeit war es Spritalfred. Mit Zapfenludi hatte ich um die Vorweihnachtszeit wenig zu schaffen, durch den Wachdienst. Aber wenn, brannte meistens die Luft. Kümmerli meinte zwischen Euch scheint der blanke Hass zu herrschen. Ich sagte zu ihm, das kannst du vergessen, an so einen Trottel verschwende ich keinen Gedanken. Als Luderer wieder mal die Schnautze so richtig voll hatte mit mir, bestrafte er mich mit der Säuberung des Zugführerzimmers. Ich trabte ab und schaute mich in der Bude erst einmal um, als die Tür aufging. Es war der Lückenhafte der erschien. Erstaunt fragte er mich, Müller was machst du denn hier? Der Oberleutnant hat mich zum reinigen her geschickt.  Der Lückenhafte schüttelte den Kopf und meinte typisch Luderer. Ich schick dir ein paar Springer, die tust du ordentlich beaufsichtigen. Natürlich schickte er mir die größten Lumperhunde und sagte, mach ihn ordentlich Dampf. Eine Stunde später kam Zapfenludi. Entsetzt sagte er, Müller sie sollten doch hier sauber machen. In seinem Gesicht spiegelte sich die Enttäuschung wieder. Ich sagte zu ihm, der Hauptmann hat befunden, solche Aufgaben stehen mir nicht zu und grinste. Jetzt war er richtig fassungslos, wie kann der Hauptmann gegen mein Befehl handeln. Lachend sagte ich, er ist der Ranghöhere und ließ ihn stehen. Vielleicht das nächste Mal, legte ich noch einen nach. Am nächsten Tag lief ich dem Major über den Weg. Müller schrie er, wie laufen sie denn schon wieder rum. Mit ihrer Frisur sehen sie wie die Zündis und Mopedisten aus. Dieser Ausspruch zählte mit zu seinen Lieblingssprüchen. Beliebter war nur noch, nehmen sie die Hände aus den Hosentaschen und hören sie auf Taschenbillard zu spielen. Jedenfalls jagte er mich zum Friseur. So unrecht war  mir das gar nicht, da waren sie zur Urlaubszeit um Weihnachten schon wieder ordentlich nachgewachsen. Persönlich brachte er mich zur Friseuse und plärrte rum, in einer Stunde sind sie wieder auf der Kompanie. Die Friseuse sagte zu ihm, Major sie sehen doch der Laden ist voll, das dauert wenigstens zwei Stunden. Müller dann kommen sie wieder mit, brüllte er. Die Gute sagte, Major der Einzige der hier in meinem Laden rumschreit das bin ich und Soldat Müller bleibt hier sitzen. Roos trabte ab. Lachend sagte sie zu mir, was der sich nur denkt. Ich enthielt mich jeden Kommentars,  denn schließlich saßen auch noch andere Offiziere rum. Die Friseuse war bei den Soldaten recht beliebt, kein Wunder bei den wenigen Frauen die in der Kaserne arbeiteten und hässlich war sie auch nicht. Es gab immer einige Offiziere und Berufsunteroffiziere die um sie herumschleimten. Auch heute saßen wieder solche Kandidaten herum, die ihre Schleimspur hinterließen. Umso neidvoller waren ihre Blicke als sie mir einen Kaffee anbot nachdem sie ihren Kunden die Murmel abrasiert hatte. Dabei machte sie öfters so etwas, vor allem bei den Soldaten, sie wusste ganz genau was wir verdienten. Das war ja kein Geheimnis. Genauso wenig wie das Trinkgeld was eine Friseuse in der DDR bekam. In der Regel entsprach es einen Monatslohn. Das sie zu mir besonders freundlich war lag mit Sicherheit an dem gestörten Verhältnis zu Roos. Wenn der seinen besten Kumpel den Bombenwilli in die Kaserne zum Haare schneiden bestellte, nahm er ihr ja die Kunden weg. Sie hatte sich schon ein paar Mal beim Batailloner beschwert. Aber Roos scherte ja so etwas wenig, der machte doch immer was er wollte. Das was hier ablief war die Rache der kleinen Friseuse und ich war das Mittel zum Zweck.
Dieses Jahr hatten die Zugführer aufgepasst und die Wasserscheider an den Tankern bei Zeiten leeren lassen. Aber nach wie vor mussten wir an die Fahrzeuge, um sie zu „warten und zu pflegen“. Bei diesen Temperaturen eine unangenehme Sache. Ich schmiss mich in mein Fahrzeug und stellte die Heizung an. Die Springer mussten aufpassen ob Offiziere im Anmarsch waren. Uns war es verboten die Heizung anzustellen. Aber mich interessierte es nicht. Die Offiziere saßen ja auch auf ihren Zimmern rum und wärmten sich ihr Hinterteil. Meistens kamen sie kurz vor 10.00 Uhr um uns zum zweiten Frühstück abzuholen. Frühstück war übertrieben, es war eher eine Kaffeepause. Mit dem Atomino brachten wir das Wasser in unseren Kameradenbetrügern zum kochen und brühten uns Kaffe, manche hatten auch Löslichen und ich hatte noch meinen leckeren schwarzen Tee vom ersten Diensthalbjahr. Lange würde der nicht mehr reichen aber Vater hatte mir eine große Dose löslichen Kaffee aus dem Intershop geschickt und dazu noch eine Büchse klare Rinderbrühe. Gerade in den Wintermonaten war dieser Extrakt eine feine Sache. Mit Dingen aus dem westlichen Ausland wurde Uschi von seinen Eltern so richtig eingedeckt. Aber er war der jenige von uns der damit am meisten geizte. Dietmar von unserer Truppe bekam am wenigsten von seinen Eltern zugesteckt. Ihm schob ich öfters mal was rüber.  Eines Tages kamen wir wieder auf das  Zimmer zum Frühstück. Unser langer Müller hatte sich die Handschuhe versaut, er wollte sie waschen. Wir passten nicht weiter auf. Plötzlich schrie Meise zu ihm, Mensch du spinnst wohl und wollte ihn auf die Finger schlagen. Doch bevor er dazu kam schmiss unser Langer den Atomino in die Waschschüssel. Nur war die Waschschüssel aus Alublech. Es funkte gewaltig. Vor Schreck griff er nach der Schüssel. Gott sei Dank erreichte Meise diesmal die Finger vom Langen rechtzeitig. Erst in dem Moment kam die Sicherung. So waren sie die lieben angehenden Akademiker. Kurz vor Weihnachten hatte ich noch ein paar Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Ich wollte unbedingt einmal 16.00 Uhr in den Ausgang. Denn 18.00 Uhr wenn der reguläre Ausgang begann hatten nur noch Kneipen auf. Massi wollte mit. Also sprachen wir beim Spieß vor. Der meinte, naja Jungs, morgen habe ich eine Spezialaufgabe für Euch, wenn sie erledigt ist könnt ihr gehen. Das regeln wir ohne den Zugführer. Ich gebe Euch die Ausgangskarten und ihr verschwindet. Am nächsten Tag nach dem Mittagessen trabten wir beim Hauptfeld an. Er drückt mir 4 Zimmerschlüssel in die Hand und sagte die Betten darin müssen bezogen werden. Im Dezember kommen Resioffiziere, da muss auf den Zimmern  Ordnung herrschen. Massi und ich schnappten uns jeder einen Springer und los zogen wir. Ich schloss das erste Zimmer auf, überrascht stellten wir fest, die Betten waren frisch bezogen. Genauso sah es in den anderen Zimmern aus. Während die Springer die Zimmer noch einmal durchkehrten und wischten holte ich den guten Löslichen und wir tranken erst einmal Kaffee. Denn so zeitig würde der Spieß uns nicht gehen lassen. Nach einer reichlichen Stunde rafften wir uns auf und suchten den Spieß. Wir suchten ihn eine ganze Weile, dann fanden wir ihn in  einem Zimmer eine Etage niedriger. Er hatte sich mit Penndorf und Werner dahin verkrümelt und sie spielten Skat. Hauptfeld, gib uns bitte die Ausgangskarten, bat ich ihn. Jetzt nicht sagte er, ihr seht ich spiele Skat. Ich schaute genauer hin und sah die halbleere Schnapsflasche am Stuhlbein vom Spieß und sagte zu ihm. Ehe du hier die große Lippe riskierst, höre auf zu saufen. Denke daran was du uns versprochen hast. Werner wollte aufbegehren. Massi sagte zu ihm, halt die Fresse du alter Plattenschrank oder wir machen dich rund du alter Spinner. Wohl oder Übel machte sich der Spieß auf, die Ausgangskarten zu holen. 

    Donnerstag, 8. September 2011

    Wache


     Noch im November gingen wir in den Ausgang, wir mussten auch  in der Öffentlichkeit unser EK sein zur Schau stellen. Ich ging mit den Sattelfahrern raus. Da schaut Luderer nie so genau hin wenn die sich ins Ausgangsbuch eintrugen, da vermutete er mich nicht. Beliebt bei uns Soldaten war es auf den Anger in Erfurt zu gehen. Da gab es die meisten Kneipen. Erfurt war Garnisonsstadt, es waren immer reichlich Soldaten in der Stadt  und in den Lokalitäten. Chaleri suchte die Kneipe aus, es war schon ein ganzer Schwung Motschützen und Artilleristen anwesend, alles Gefreite. Es gab ein großes Hallo, wir sollten mit ranrücken. Einer der Mucker sagte zu mir, du nicht, du Zwischenpisser. Empört antwortete ich, du hast wohl Höhe du Sackgesicht und zog mein Maßband. Voller Wut brüllte der Alkohol aus ihm, seit wann haben Zwischenhunde Maßbänder. Schau mal auf meine Schulterstücke du Pfeife, wenn hier einer in der Runde ein wahrer E ist dann bin ich das. Er beruhigte sich nicht so schnell, selbst als Chaleri bestätigte dass ich ein E war. Die Schulterstücken kann sich jeder so knicken, pöbelte er weiter, ich will deinen Wehrpass sehen, brüllte er in seiner Rasche. Damit hatte ich kein Problem und drückte ihm das Ding unter die Nase. Er wurde ruhiger und meinte du bist wirklich ein wahrer E, deine Rechnung ist schon bezahlt. Auch das war wieder eines der vielen ungeschriebenen Gesetzte bei der Armee. War einer E und nicht Gefreiter hatten die Gefreiten die Rechnung zu übernehmen. Das war mehr wie nur Anerkennung, denn schließlich bekam der Gefreite 30 Mark mehr Sold. Es war ein Stück Gerechtigkeit. Sie ließen mein Bier gleich auf ihre Bierdeckel schreiben. Wir bekamen an diesem Abend sogar noch ein ganz vernünftiges Gespräch zu Stande, die Motschützen waren ein bunt zusammen gewürfelter Haufen aus der ganzen Republik. Nicht so wie wir, die mehrheitlich aus dem Bezirk Dresden kamen. Ihre Ausbildung war um ein vielfaches härter gewesen wie die Eigene.
    Der Wachdienst nahm uns immer mehr in Anspruch. Das spezifische in unserer Kompanie war, die Tankerfahrer standen immer mehr Wache wie die Sattelschlepperfahrer. Das hatte folgenden Hintergrund. Die Fahrschulausbildung wurde ausschließlich mit den Sattelschleppern durchgeführt. Es war verboten mit den Tankern die Fahrübungen in der Stadt abzuhalten, was auch irgendwo vernünftig war. Also mussten wir die Wache übernehmen. Die ersten zwei, drei Wachen vielen mir recht schwer aber dann hatte man sich an den Rhythmus gewöhnt. Wache stehen war ein 24 Stundendienst. Es gab im Bataillon  5 Wachposten und das KDL. Jeder Posten war mit drei Soldaten besetzt. Einer Stand Wache, einer Bereitschaft und einer hatte Wachfrei. Das KDL war mit einem Uffz. und drei Soldaten besetzt. Hier galt das Prinzip, Wache, Bereitschaft und Frei genauso. Die Posten 1 und 2 wurden ausschließlich Nachts besetzt. Der merkwürdigste Posten war der vor dem Fahrzeugpark. Man befand sich da wie auf einen Repräsentierteller. Der Eingang zum Fahrzeugpark befand sich unmittelbar neben dem Stabsgebäude. Dort saßen der OvD und der Batailloner. Tags über stand man unter einem Postenpilz. Um diesen herum war eine Fläche von 2 qm gekennzeichnet. Diese durfte man nicht verlassen. Jeden ollen Buckel der da vorbeikam musste man grüßen. Das stank mir natürlich gewaltig. Meistens stellte ich mich so das ich die Buckels nicht sah. Gott sei Dank hatte ich den Posten nicht allzu oft. Von 18.00 bis 06.00 Uhr lief der Posten im Gelände des Fahrzeugparks seine Wachrunde. Das Gute an dem Posten war, musste im Fahrzeugpark gearbeitet werden, wurde die Wache ab dem Zeitpunkt eingezogen. Wochentags war das zu 99 Prozent so aber am Wochenende hatte es einen angeschissen. Rauchen war während des Postens stehen  natürlich verboten. Wachdienst nach Vorschrift hieß, es wurde aller zwei Stunden der Posten gewechselt. Allerdings lief der Wachdienst meist wie folgt ab:
    18.00 erfolgte die Wachablösung. Der Postenführer in der Regel der Wachhabende schaffte einen auf den Posten und die alte Wache begleitete den Wachhabenden zum Wachlokal. Nicht ohne vorher das Gewehr entladen zu haben. Alles erfolgte nach einem streng festgelegten Ablauf. Die Wache lief auf den dafür vorgesehenen Platz und nahm in Reih und Glied Aufstellung. Der Postenführer rief den einzelnen Posten auf. Der trat vor, nahm das Magazin aus dem Gewehr, entsicherte es und lud durch. Der Postenführer kontrollierte ob sich eine Patrone im Lauf befand. Gewöhnlich war das nicht der Fall, ansonsten musste sie entfernt werden. Dann betätigte der Posten den Abzug und sicherte das Gewehr wieder. Dabei durfte die Waffe nie auf Menschen gerichtet werden, sie musste immer schräg nach oben Richtung Himmel zeigen. Auch der Postenwechsel erfolgte nach genauen Vorschriften. Erschien der Postenführer im Postenbereich hatte ihn der Posten wie folgt anzurufen, halt wer da. Der Postenführer musste stehen bleiben und Auskunft geben. Zum Beispiel Postenführer Graichen mit OvD und 4 Soldaten. Erst dann konnte der Postenwechsel vollzogen werden. War die Prozdur endlich beendet hatte man Bereitschaft zumindest theoretisch, denn praktisch galt das nur für den Springer. Der Vize und der E hatten Freizeit. Freizeit hieß man durfte sich im Wachlokal bewegen und seine Zeit mit mehr oder weniger sinnvoller Tätigkeit totschlagen. An erster Stelle stand da natürlich schlafen, gefolgt von Skat spielen. Glücksspiele waren zwar verboten, aber das interessierte keinen. Manchmal nahmen wir auch die Waffen auseinander um zu sehen wer sie am schnellsten wieder zusammenbekam. Wenn man so eine Kalaschnikow richtig auseinander nahm, hatte man schätzungsweise 30 Einzelteile rum liegen. Ich war da richtig gut beim Zusammenbau. Meistens war ich der Schnellste. Genau genommen war das auch verboten, während der Wache solche Spiele zu betreiben. 22.00 Uhr wurde der Postenwechsel gemacht. In den meisten Fällen kam der OvD mit. Dann haute auch er sich aufs Ohr. Für gewöhnlich trafen sich die Soldaten an den Punkten wo die einzelnen Postenwege sich tangierten, quatschten, rauchten oder hörten ihr kleines Postenradio. Auf diese Art und Weise verging die Zeit am schnellsten. Die nächsten Postenwechsel waren 02.00 und 06.00 Uhr. In dem Rhythmus ging es weiter bis 18.00 Uhr. Dann hatten wir 24 Stunden wachfrei um nach dieser Zeit erneut auf zu ziehen. Bei mir lief das Wacheschieben etwas anders ab. Uffz. Graichen war meistens unser Wachhabender. Er war genauso E wie ich und er war während des ersten Diensthalbjahres mein Gruppenführer. Er teilte mir immer Öfter einen Nachtposten zu und zwar den Posten 2. Nach kurzer Zeit stand ich fast nur noch diesen Posten. Der Postenweg verlief hinter unserer Kaserne. Graichen richtete es so ein, das ich 18.00 Uhr auf Posten zog. Kaum war ich auf dem Posten, nahm ich das Magazin aus dem Gewehr versteckte es gut, dass es auch wirklich niemand finden konnte. Im Anschluss verkrümelte ich mich auf die Kompanie fernsehen gucken. Graichen oder die anderen Wachhabenden wussten Bescheid. Passierte etwas Unvorhergesehenes riefen sie auf der Kompanie an und eine Minute später stand ich auf dem Postenweg. Nach dem Postenwechsel haute ich mich aufs Ohr und schlief oftmals bis Mittag. Auf diese Art und Weise war Postenschieben ein angenehmer Shop. Aber Wehe Roos hatte OvD, da mussten wir Dienst nach Vorschrift machen. Der hielt uns die ganze Nacht auf trab. Er wusste ja dass die Nachtposten nach 06.00 Uhr abmatteten  und dies missgönnte er uns. Er teilte  die Nachtposten für gewöhnlich zu irgendwelchen Arbeiten ein. Das Mißviel aber dem Batailloner und bestellte Roos zum Raport.  Roos war wirklich  bescheuert. Er konnte es nicht lassen und versuchte als Kompaniechef in das Wachlokal zu kommen um Soldaten für seinen Blödsinn ab zu ziehen. Uffz. Graichen ließ ihn gar nicht erst in das Wachlokal. Als Roos renitent wurde, rief er den OvD. Der drohte ihn verhaften zu lassen, wenn er sich nicht Augenblicklich davon macht. Wir lachten voller Schadenfreude über seine Dummheit und stimmten das EK – Lied an. Anfang Dezember wurde es bitter kalt. Die Temperatur viel Zeitweise auf minus 20 Grad Celsius. Wir hatten die Oma tief ins Gesicht gezogen. Freiwillig machten wir Dienst nach Vorschrift und wechselten aller zwei Stunden. Auf dem Postenweg 3 befand sich ein Wachturm. Der wurde nur tagsüber besetzt. Wir zogen uns bei der Kälte dorthin zurück, in der Hoffnung die gröbste Kälte fernzuhalten. Die Hoffnung starb zuletzt. Hin und wieder dachte ich, wenn manche wüsten wie hier Wache geschoben wurde, würden sie öfters mal versuchen an Sprit zu kommen.





    Montag, 5. September 2011

    Die einzig wahren E's



    Am 2. November wurde ich zur Wache eingeteilt. Ich war der Soldat von unserem Diensthalbjahr der die wenigsten Wachen gestanden hatte. Das sollte sich nun schlagartig ändern. Uffz. Graichen war der Wachhabende, er teilte die Posten ein und machte die Wachbelehrung. Meise, Bengert und ich ließen uns ans KDL einteilen. Wir wollten unbedingt die Neuen in Empfang nehmen. Erst einmal nahmen wir 17.00 Uhr unsere Waffen in Empfang und mumpelten zwei Magazine mit insgesamt 60 Schuss auf. Beim Munitionsempfang kam die deutsche Pinglichkeit so richtig zur Geltung. Für jede einzelne  Patrone wurde in ein viereckiges Brett ein Loch gebohrt. 120 Löscher befanden sich auf solch einem Brett. Exakt ausgerichtet im Raster 4 x 30. So konnte der Unteroffizier auf dem ersten Blick erkennen ob eine Patrone fehlt. Die Bretter trugen bei uns den Namen Mumpelbretter. Wehe es fehlte eine Mumpel, da hatte man ein Problem an der Backe. Unter der Hand kam man immer an Munition ran, die Uffze. hatten während ihrer Dienstzeit genug Möglichkeiten sich Patronen zu besorgen. Es galt der Tauschsatz eine Mumpel ein Teil Bier. Aber ich passte da immer auf das keine abhanden kam, das fehlte noch, den Hohlkörpern von Unteroffizieren Bier in den Rachen zu schütten. Wenn man bei Manövern mit russischen Soldaten zusammenkam, konnte wer wollte, sich bei den Russen immer welcher erhandeln. Die trugen teilweise die Patronen in den Hosentaschen. 18.00 Uhr zogen wir zur Vergatterung. Der Wachwechsel verlief reibungslos. OvD war Hauptmann Pemsel, ein Offizier der ersten Kompanie. Der war ein richtiger Kampftrinker. Wenn er gut drauf war hatte er während des Dienstes seine Bluse zur Hälfte aufgeknöpft und die Schirmmütze in den Nacken geschoben. Wir nannten ihn Papa Pemsel.
    15.00 Uhr sollten die neuen Springer am Bahnhof eintreffen. Graichen teilte uns so ein das wir von   14.00 – 18.00 Uhr am KDL standen. In Gedanken sah ich uns noch einmal durch das Kasernentor fahren. Das war nun genau ein Jahr her. Dann war es endlich soweit die Neuen kamen. Kempe, Kuchta und Heininger fuhren die Lkws. Auf jedem waren 20 Springer. Bengert und Meiße öffneten die Tore. Wir verbeugten uns tief als die drei Fahrzeuge das Tor passierten. Die Beiden schmissen es zu, dass es nur so schepperte. Ich schwenkte schon mal mit dem Bandmaß. Mario und Jens beeilten sich es mir gleich zu tun. Ich schaute in die Gesichter der Neuen. Genau wie bei uns, Angst, Neugier und Ungewissheit schaute vom Lkw herunter. Der Rest des Bataillons hing am Fenster und belegte die Springer. Eine Woche ließen wir sie in Ruhe. Das hatten wir mit Chaleri und Co. so vereinbart. Mit Meise ging ich auf das Zimmer der Springer. Da war ich mir sicher, das würde wieder nach Schema F ablaufen, sie würden versuchen sich zu wehren um dann zusammenbrechen. Als erstes stellte ich uns vor und sagte: Das ist Soldat Meißner und ich bin Soldat Müller vom dritten Diensthalbjahr. Ihr habt richtig gehört Soldat und nicht Gefreiter. Meise ergänzte, das haben wir uns schwer verdient, wir sind die einzig wahren E’s. Weshalb wir hier sind fuhr ich fort, könnt ihr euch denken. Wir werden euch jetzt für den Zimmerdienst bei uns einteilen. Da beist die Maus kein Faden ab, das ist so. Wenn das alles funktioniert wird auch keiner schikaniert.  Die Springer rückten näher zusammen, sie scharrten sich um ihren Wortführer. Er war seinen Kameraden körperlich weit überlegen und schien auch sonst so ein recht helles Köpfchen zu sein. Er hieß Sperling. Schon im Vorfeld hatten Meise und ich ihn ausgekuckt. Wenn wir den knacken hatte der Rest verspielt und das war nur eine Frage der Zeit. Sperling sagte mein Vater ist Oberstleutnant auf der Militärakademie in Dresden und ich weiß bescheid, wie das bei der Armee lang  läuft. Wir lassen uns nicht schikanieren und rumkommandieren. Ich sagte zu ihm, es ist schön dass dein Vater Berufsoffizier ist, da muss ich dir ja nicht lange erklären wie es bei der Armee funktioniert. Dein Vater hat dir bestimmt schon einmal erzählt, das es in der Armee genauso wie bei jeder anderen Arbeit eine Hackordnung gibt. Wer sich daran hält ist ein Teil der Gesellschaft, dem wird es seiner Position angemessen gut gehen. Wer dagegen auflumpert, der wird der Außenseiter sein und Spießruten laufen. Es steht jedem frei sich seine Seite auszusuchen. Der Letzte der versucht hat gegen die ungeschriebenen Gesetzte aufzubegehren, hatte einen Vater im Verteidigungsministerium in Berlin. Den haben sie noch während der Ausbildungskompanie versetzt. Zu den Fußlatschern ergänzte ich, obwohl ich es nicht genau wusste. Aber das klang gut, da wollte keiner hin. Außerdem hast du nicht richtig zu gehört, wir wollen niemanden rumkommandieren, wir wollen nur dass ihr die Arbeit macht die wir vor einem Jahr auch machen mussten und du wirst für mein Bett verantwortlich sein. Die übrige Arbeit kennt ihr ja. Ist das klar? Alle nickten, einige verbittert. Mit Meise hatte ich schon abgesprochen wenn wir fürs erste Mal nehmen. Er zeigte auf Krause, er war der Kleinste von ihnen und du kommst auch mit. Beide trabten uns hinterher. Nachdem sie ihre Arbeit verrichtet hatten schoben wir ihnen eine Flasche Bier zu und sprachen mit ihnen ab, wie das Ganze hier so lang zu laufen hat. Zuckerbrot und Peitsche waren immer noch die besten Mittel. Die Springer und allen voran Sperling mochten mich nicht, dafür hatte ich Verständnis. Aber sie hatten Achtung vor mir und machten im Großen und Ganzen ihre Arbeit. Sperling war gelehrig, er ging auch ohne Probleme mit Bier holen. Eines Tages bat ich ihn Bier für unser Zimmer zu holen. Er maulte rum, wegen zwei Teilen laufe ich nicht zum „Einarmigen“.  Erstaunt sah ich ihn an und fragte wie meinst du das? Na vier müssten es schon sein. Ich sagte da nimmst du eben noch einen mit aus deinem Zimmer. Nein meinte er, die trage ich alleine. 80 Flaschen Bier willst du alleine tragen, fragte ich zweifelnd? Kein Problem, sprach er. Ich stellte ihm vier Teile hin und er trabte ab. Eine Stunde später war er wieder da. Sperling war von der Figur her schon ein Hüne aber das hätte ich ihm nicht zugetraut.
    Es war schon erstaunlich was manch einer von unserem Diensthalbjahr für eine Entwicklung genommen hatte. Da war z.B. Guido. Er war immer einer von den Ruhigen, der konnte keiner Fliege was zu leide tun. Eines Tages erlebte ich, wie er einen Springer rund machte der aufzuckte. Erst ließ er ihn den Gang kehren und anschließend seine Schuhe putzen. Dabei schimpfte er wie ein Rohrspatz auf den Springer. Überhaupt war Guido zu einen Unikum geworden. Guido war ja kein Deutscher, er war Sorbe. Bis zur vierten Klasse wurden sie zweisprachig unterrichtet. Er hatte eine sorbische Freundin, die schrieb ihm die Briefe auch in sorbischer Sprache. Nur hatte Guido die schriftliche Sprache verlernt. So musste er immer zu seinem sorbischen Kumpel Sebastian auf die erste Kompanie flitzen. Der übersetzte ihn die Briefe ins Deutsche. Dinge gab es im Leben, da konnte man nur staunen. Auch Thomas Kuchta hatte eine bemerkenswerte Entwicklung genommen. Er war wie die Feuerwehr, wenn die Springer versuchten auf zu lumpern. Ich sagte zu ihm, ich kann mich ganz schwach daran erinnern, dass mir mal irgendjemand im ersten Diensthalbjahr eine Abhandlung über die gerechte Behandlung von Springern erzählt hat. Thomas grinste, ich weis nicht was du meinst. Das jede Medaille zwei Seiten hatte, bekam ich auch beim Wache schieben zu spüren. Als ich noch Chef der Feuerwache war hatte mir Oberleutnant Friedrich vom Sanitätsbataillon einmal richtigen Sackgang bereitet. Er war der leitende Offizier der Feuerwache und hatte unsere Einsatzbereitschaft bemängelt. Immer wieder scheuchte er uns mit Feuerhaken und Löschutensilien durch das Kasernengelände und hielt uns Vorträge über die sozialistische Einsatzbereitschaft. Dieser Offizier erdreistete sich mit fünf Reservisten gegen 23.00 Uhr vorm KDL zu erscheinen um mir zu erzählen, sie wären im Gruppenausgang gewesen. Normalerweise interessierten mich solche Dinge nicht aber bei so einem Vogel passte ich genau auf. Am Ende drehte der noch einem einen Strick daraus. Den Ausgangsschein, sagte ich zu ihm. Er versuchte es auf Kumpel, hör mal lass sie rein du weist doch wie das hier lang läuft, bist doch ein EK. Eben drum, den Ausgangsschein. Er hatte keinen, ich ließ den OvD holen. Das war gut so, keine 14 Tage später wurde er strafversetzt. Sie hatten ihn mit 2,1 Promille am Lenkrad erwischt. Der Polizei hatte er erzählt, er wäre im Einsatz und müsste sich umgehend im Bataillon melden. Lügen haben kurze Beine, sein Geschwafel hatten sie schnell durchschaut. Er war schwerer Alkoholiker und nicht mehr in der Lage ohne Teufel Alkohol zu leben. Überhaupt musste ich sagen, Offiziere die bei uns im Objekt arbeiteten aber nicht zum Bataillon gehörten, legten das Prinzip Leben und Leben lassen immer zu ihren Gunsten aus. Am schlimmsten war der Militärstaatsanwalt. Vom Dienstgrad war er ein Oberstleutnant und hatte eine Sonderstellung. Seine Räumlichkeiten waren gesondert gesichert. Da hatte nicht einmal der Batailloner unangemeldet etwas zu suchen. Dieser Schnösel von Offizier war mir zweimal so richtig dumm gekommen. Als er früh 6.00 Uhr zum Dienst erschien, löffelte er mich voll weil ich den Kragenknopf nicht geschlossen hatte. Er hätte es auf die Freundschaftliche machen können aber er zog es vor mich richtig dumm anzumachen. Das zweite Mal war er der Meinung ich hätte seinen Dienstausweis nicht richtig kontrolliert. Er hielt mir einen Vortrag, sein Passbild könnte ja auch gefälscht sein und nur weil ich zu faul wäre seinen Ausweis vorschriftsmäßig zu kontrollieren könnte sich der Klassenfeind in die Kaserne schleichen. Stumm ließ ich die Kritik über mich ergehen, ich wusste ganz genau, irgendwann kriege ich ihn. Was ging nur in solchen kranken Köpfen vor? Eines Tages war es soweit, er hatte seinen Dienstausweis vergessen. Genau wie Oberleutnant Friedrich versuchte er es auf die kumpelhafte Art. Ich sagte zu ihm, Genosse Oberstleutnant ich habe keine Lust bei ihnen vor Gericht erscheinen zu müssen, weil ich den Klassenfeind hereingelassen habe. Also kehrt Marsch, holen sie ihren Ausweis. Er wollte Aufbegehren. Ich sagte zu ihm, muss ich erst den OvD holen? Er trabte ab.

    Donnerstag, 1. September 2011

    EK

     Die Tage vergingen im Oktober wie im Flug. Am 21.10.1980 feierte ich meinen 21. Geburtstag. Vom Resi mal abgesehen war ich der zweitälteste auf der Stube. Nur Arno war zwei Jahre älter wie ich. Zur Feier des Tages  holte ich im „ Einarmigen“ zwei Teile Bier. Von Vater und Conny bekam ich jeweils ein Paket. Damit hatte sich mein Geburtstag erledigt. Mit dem Bierholen gab es Anfang Oktober ein paar Probleme. Wir hatten Fahrzeugumstellung, diesmal auf  Winterbetrieb. Für diese Zeit hatte der Batailloner Reservisten von den Motschützen geordert. Als wir unsere Springer nach Bier schickten machten die Späne und wollten sie nicht rauslassen. Bengert, Meise und ich tobten nach unten zu dem Posten. Mario fragte warum lässt du unsere Springer nicht Bier holen? Das wisst ihr ganz genau, rief er und brachte sein Gewehr in Anschlag. Mario lachte und stellte sich vor die Mündung und sagte schieß doch du Weichei. Der Soldat fing an zu jammern, hört auf ich habe Frau und Kinder. Wenn ich jemanden erschießen muss wie soll ich damit Leben. Ich sagte zu ihm, du weißt schon die Schusswaffe ist die höchste und letzte Form der Gewaltanwendung und nur weil wir Bier holen wollen kannst du niemand erschießen. Meise sagte beruhig dich erst einmal, bei uns ist das so, wenn die Wache wegsieht bekommt sie zwei Flaschen Bier und weil du ein Lieber bist bekommst du vier. Wenn sie unsere Leute mit dem Bier erwischen, warst du gerade am anderen Ende das Postenweges. Nach kurzem Überlegen willigte er ein. Das sprach sich bei den Motschützen schnell rum und es gab keinen Ärger mehr.
    Einige von meinen Kameraden waren im Erholungsurlaub gewesen. Arno kam aus dem Urlaub nicht wieder, keiner wusste was. Nach vier Tagen kam ein Lebenszeichen von ihm, er lag im Krankenhaus. Als er dann wieder in der Kaserne erschien fehlten ihm die oberen Schneidezähne. Das sah schon ganz schön brutal aus. Es sollten noch ein paar Wochen ins Land gehen bis sie ersetzt wurden. Arno war auf der Landstraße mit seinem Moped unterwegs gewesen, hinter einem Laster. Dieser war mit Zwillingsreifen ausgestattet. Zwischen diesen hatte sich ein Stein verklemmt, der sich irgendwann löste. Das passierte genau in dem Moment als Arno hinter diesem herfuhr. Der Stein traf ihn mitten im Gesicht. Kurz nach diesem Unfall bekam Arno von seinem Bruder Besuch. Zufälliger Weise liefen mir beide über den Weg. Wir setzten uns auf eine Bank im Kasernengelände und genossen die letzte Sommerwärme. Arnos Bruder hieß Arnold und hatte genauso wie er beruflich mit der Fernsehtechnik zu tun. Wir unterhielten uns über das Westfernsehen. Arnold meinte in ungefähr 10 Jahren sind die mit ihrer Technik soweit, das man mit Hilfe der Satellitentechnik in die ganze Welt senden kann. Skeptisch fragte ich, wie soll denn das Funktionieren. Er erklärte mir, dass von der Erde Signale in den Weltraum gesendet werden. Diese würden dann von dem Satelliten aufgefangen und weitergeleitet. Mit einer Antenne die ähnlich wie eine Radarschüssel aussieht kann man die Signale empfangen. Mit anderen Worten du meinst wir könnten dann auch im Raum Dresden Westfernsehen schauen. Arnold nickte, zumindest theoretisch, da brauchst du schon einige Technik und ob diese in der DDR verfügbar wäre, müsste man sehen. In Gedanken sah ich mich schon Westfernsehen schauen. Auf das was man nicht hatte war man besonders scharf. So etwas lag nun mal in der menschlichen Natur. 
    Auf der Kompanie gab es bei den Sattelfahrern zwei Springer, diese fielen mir durch ihr Wesen besonders auf. Sie hießen Rosenbaum und Ziege. Beide kannten sich schon vor der Armeezeit und machten in ihrer Freizeit gemeinsam Musik. Sie hatten in ihrem Charakter etwas Aufmüpfiges. Nicht gegen die EK – Bewegung, da ließen die EK’s und Viezen keine Luft ran. Im Gegensatz zu den Tankerfahrern zogen bei den Sattelfahrern alle an einem Strang. Bei uns auf der Stube lag das meistens in Meises und meiner Hand. Aber gegen die Offiziere da waren die Beiden für ihr Diensthalbjahr ungewöhnlich aggressiv. Ich unterhielt mich hin und wieder mit ihnen, vor allem mit Ziege. Eines Tages fragte er mich ob ich das Buch von Eberhard Panitz  kennen würde, Gesichter Vietnams. Ich verneinte und fragte, was ist mit dem Buch? Solltest du mal lesen, da ist eine Abhandlung über My Lai drinnen, da würde mich mal deine Meinung interessieren. Ich hakte nach, du meinst das Kriegsverbrechen in Vietnam mit dem Calley. Genau dieses, antwortete er. Ich nahm mir vor im nächsten Urlaub kaufst du dir das Buch. Urlaub war das Stichwort meinen EU für das zweite Diensthalbjahr musste und wollte ich noch nehmen. Ich fuhr zu Conny und Thomas nach Heidenau. Conny meinte Thomas ist nachts ein ganz schöner Schreihals, man kommt kaum zum Schlafen. Conny selber machte einen relativ aufgeräumten Eindruck.  Die Nachwehen der Geburt schienen langsam zu verblassen. Ich raffte mich auf und ging zur Betriebsgewerkschaftsleitung ( BGL ) und bat um Unterstützung bei der Wohnungssuche. Man versprach mir, nach Beendigung des Wehrdienstes, mich bei der Suche zu unterstützen. Der Betrieb hätte schon einen gewissen Einfluss bei der Vergabe von Wohnungen in und um Dohna. Einen Tag verbrachte ich mit Becki, Roland und Hüni. Es tat mir persönlich gut solche Freunde zu haben, wo man sich ausheulen konnte und die auch mal zuhörten. Viel zu schnell war der Urlaub wieder um. Diesmal nahm ich einen Zug eher nach Erfurt um mir den Ärger mit der Militärpolizei zu ersparen. Vor Reiseantritt kaufte ich mir im Zeitungskiosk das Buch von Panitz. Um mir die lange Weile zu vertreiben, lief ich durch den Zug. Die Mitropa hatte einen kleinen Verkaufsstand eingerichtet. Ich schaute schon einmal was für Bier die hatten. Wenn es Gutes war würde ich auf dem Rückweg mir zwei Flaschen mitnehmen. Beim Einsteigen hatte ich es schon gesehen. Die Bundesbahn hatte zwei Kurswagen anhängen lassen. Gemütlich bummelte ich durch die beiden Hänger. Auf einmal blieb ich verwundert stehen. Die DSG hatte ebenfalls einen kleinen Verkaufsstand und was es da alles gab, es war unglaublich. Sprenglerschokolade, Toblerone, Getränke in Büchsen, Bier und Limonade und noch vieles Andere aus der BRD. Verwundert fragte ich den Verkäufer und das verkaufen sie hier für DM. Nein, meinte er, wir nehmen immer die einheimische Währung. Fassungslos schaute ich ihn an, das ist doch nicht ihr Ernst? Aber selbstverständlich gab er halb beleidigt zurück. Ich erkundigte mich nach den Preisen. Die waren ähnlich wie die der Mitropa. Ich hatte noch nie Bier und Limonade aus Büchsen getrunken. Ich kaufte fünf Büchsen Dortmunder Union, zwei Büchsen Coca Cola und zwei Büchsen Sprite. Das verpackte er mir alles noch in einen schicken Plastikbeutel. Stolz wie Graf  Koks marschierte ich von dannen und konnte es immer noch gar nicht fassen. Eine Büchse Bier wollte ich gleich trinken und den Rest mit meinen Kameraden teilen. Das Ergebnis wirkte ernüchternd, das Bier schmeckte nach Büchse und wurde auch nur mit Wasser gebraut. Was hatte ich eigentlich erwartet? So richtig war ich mir darüber selber nicht im Klaren. Es gab auch wichtigeres im Leben. Aber es kam aus dem Westen und nur das zählte. Am nächsten Tag testeten meine Kameraden die Getränke. Bei der Coca Cola kamen wir mehrheitlich zum Schluss der Vita Kola von uns kann sie das Wasser nicht reichen. Die Sprite wäre dem Margonwasser sehr ähnlich und genauso gut. Beim Bier fehlten uns die Vergleichsmöglichkeiten. Die Dose schmeckte deutlich hervor. Dosenbier gab es bei uns keines. Das Dortmunder Union müsste man mal aus der Flasche trinken, da hätte man einen reellen Vergleich.
    Wenn ich Zeit hatte setzte ich mich hin und las das Buch, Gesichter Vietnams. Es enthielt verschiedene Abhandlungen. Unter anderen von einem ehemaligen Fremdenlegionär der in Dresden geboren wurde. Der Artikel über My Lai erschütterte mich. Hinter dem Leutnant Calley versteckten sich höhere Offiziere die auf einmal an Gedächtnisschwund litten. Frauen und Kinder erschießen war die eine Seite, aber der Vietcong die Andere. Der Vietcong war keine reguläre Armee und viel somit auch nicht unter die Genfer Konvention. Das die Frauen und Kinder für ihre Ziele missbrauchten war auch ein Verbrechen. Ich unterhielt mich mit Ziege darüber. Einig waren wir uns darüber das die USA der Aggressor war. Was da passiert ist, war eine unglaubliche Schweinerei. Die hatten in Vietnam nichts zu suchen, die USA müsste als Land vor Gericht stehen. Den Calley vors Loch zu schieben war für sie das Einfachste, machte das Geschehene aber nicht besser. Was Ziege und mich beschäftigte war die Frage, was passiert wenn mir nach Polen einrücken müssten. Genfer Konvention was besagte die eigentlich, im Politunterricht ist sie noch nicht einmal erwähnt wurden. Auch wenn ich da immer schlief, wäre das auf den Stuben ein Gesprächthema gewesen. Was würde ich machen, wenn ich in so eine Situation kommen würde? Ich verbannte die Gedanken in die hinterste Ecke der Welt. Ich wollte gesund und munter von der Armee nach Hause kommen, das stand für mich im Fordergrund. Da half die erste Lektion die ich bei der Armee gelernt hatte, niemals freiwillig melden.
    Am 30.10. wurden die Resis und E’s entlassen. Jetzt waren wir die Alten und feierten uns selbst, wie wild schwenkten wir unsere Maßbänder und sangen unser EK – Lied. Einen Tag später erfolgte die Beförderung zum Gefreiten. Laut und deutlich ertönte der Dank des Beförderten, ich diene der Deutschen Demokratischen Republik. Mir blieb dieser Spruch erspart. Roos meinte die Nichtbeförderten sollten einmal darüber nachdenken warum sie nicht beförderten wurden. Insgesamt waren es drei Mann die es betraf, Mario Bengert, Jens Meißner und mich. Bei allen dreien rief die Nichtbeförderung unterschiedliche Reaktionen aus. Mario war richtig enttäuscht und sagte ich versteh das gar nicht. Wirklich, fragte ich Mario? Mario wurde aggressiv, du willst es mir doch nicht etwa sagen. Doch Mario, antwortete ich. Du hast den Tankhänger umgekippt. Mit der Nichternennung zum Gefreiten bist du doch gut davon gekommen. Mario schäumte, wie oft soll ich es dir noch sagen, ich war nicht schuld. Die Feder war gebrochen. Ich schüttelte den Kopf, du weist es besser und ließ ihn stehen. Meise wurde nachdenklich und meinte, da sieht es nicht gut aus für meine christliche Seefahrt. Wenn ich nicht befördert werde, kann ich das knicken. Ulf schleimte ich verstehe das gar nicht, dass sie dich nicht befördert haben. Ach nein sagte ich angefressen zu Uschi, wer hat sich den immer hinter Meise und mir versteckt, wenn es darum ging die Springer auf Vordermann zu bringen. Ihr alle hier! Bei den Sattelschleppern gab es so was nicht. Es wurde ruhig auf dem Zimmer. Keiner sagte etwas, ich dafür umso mehr.  Rudi gehst du die neuen Springer aufs Zimmer holen. Er schaute mich nur an und schüttelte den Kopf. Ist auch nicht weiter schlimm, aber hört auf so rum zu schleimen. Ich war stolz darauf nicht befördert wurden zu sein und sagte ein Teil Bier heute Abend bezahle ich. Die peinliche Stille löste sich. Ich ging zu meinem Spind und diesmal knickte ich meine Schulterstücke selber und zwar längst. Jeder hatte eben seinen eigenen Stolz und das war meiner!!!