Donnerstag, 8. September 2011

Wache


 Noch im November gingen wir in den Ausgang, wir mussten auch  in der Öffentlichkeit unser EK sein zur Schau stellen. Ich ging mit den Sattelfahrern raus. Da schaut Luderer nie so genau hin wenn die sich ins Ausgangsbuch eintrugen, da vermutete er mich nicht. Beliebt bei uns Soldaten war es auf den Anger in Erfurt zu gehen. Da gab es die meisten Kneipen. Erfurt war Garnisonsstadt, es waren immer reichlich Soldaten in der Stadt  und in den Lokalitäten. Chaleri suchte die Kneipe aus, es war schon ein ganzer Schwung Motschützen und Artilleristen anwesend, alles Gefreite. Es gab ein großes Hallo, wir sollten mit ranrücken. Einer der Mucker sagte zu mir, du nicht, du Zwischenpisser. Empört antwortete ich, du hast wohl Höhe du Sackgesicht und zog mein Maßband. Voller Wut brüllte der Alkohol aus ihm, seit wann haben Zwischenhunde Maßbänder. Schau mal auf meine Schulterstücke du Pfeife, wenn hier einer in der Runde ein wahrer E ist dann bin ich das. Er beruhigte sich nicht so schnell, selbst als Chaleri bestätigte dass ich ein E war. Die Schulterstücken kann sich jeder so knicken, pöbelte er weiter, ich will deinen Wehrpass sehen, brüllte er in seiner Rasche. Damit hatte ich kein Problem und drückte ihm das Ding unter die Nase. Er wurde ruhiger und meinte du bist wirklich ein wahrer E, deine Rechnung ist schon bezahlt. Auch das war wieder eines der vielen ungeschriebenen Gesetzte bei der Armee. War einer E und nicht Gefreiter hatten die Gefreiten die Rechnung zu übernehmen. Das war mehr wie nur Anerkennung, denn schließlich bekam der Gefreite 30 Mark mehr Sold. Es war ein Stück Gerechtigkeit. Sie ließen mein Bier gleich auf ihre Bierdeckel schreiben. Wir bekamen an diesem Abend sogar noch ein ganz vernünftiges Gespräch zu Stande, die Motschützen waren ein bunt zusammen gewürfelter Haufen aus der ganzen Republik. Nicht so wie wir, die mehrheitlich aus dem Bezirk Dresden kamen. Ihre Ausbildung war um ein vielfaches härter gewesen wie die Eigene.
Der Wachdienst nahm uns immer mehr in Anspruch. Das spezifische in unserer Kompanie war, die Tankerfahrer standen immer mehr Wache wie die Sattelschlepperfahrer. Das hatte folgenden Hintergrund. Die Fahrschulausbildung wurde ausschließlich mit den Sattelschleppern durchgeführt. Es war verboten mit den Tankern die Fahrübungen in der Stadt abzuhalten, was auch irgendwo vernünftig war. Also mussten wir die Wache übernehmen. Die ersten zwei, drei Wachen vielen mir recht schwer aber dann hatte man sich an den Rhythmus gewöhnt. Wache stehen war ein 24 Stundendienst. Es gab im Bataillon  5 Wachposten und das KDL. Jeder Posten war mit drei Soldaten besetzt. Einer Stand Wache, einer Bereitschaft und einer hatte Wachfrei. Das KDL war mit einem Uffz. und drei Soldaten besetzt. Hier galt das Prinzip, Wache, Bereitschaft und Frei genauso. Die Posten 1 und 2 wurden ausschließlich Nachts besetzt. Der merkwürdigste Posten war der vor dem Fahrzeugpark. Man befand sich da wie auf einen Repräsentierteller. Der Eingang zum Fahrzeugpark befand sich unmittelbar neben dem Stabsgebäude. Dort saßen der OvD und der Batailloner. Tags über stand man unter einem Postenpilz. Um diesen herum war eine Fläche von 2 qm gekennzeichnet. Diese durfte man nicht verlassen. Jeden ollen Buckel der da vorbeikam musste man grüßen. Das stank mir natürlich gewaltig. Meistens stellte ich mich so das ich die Buckels nicht sah. Gott sei Dank hatte ich den Posten nicht allzu oft. Von 18.00 bis 06.00 Uhr lief der Posten im Gelände des Fahrzeugparks seine Wachrunde. Das Gute an dem Posten war, musste im Fahrzeugpark gearbeitet werden, wurde die Wache ab dem Zeitpunkt eingezogen. Wochentags war das zu 99 Prozent so aber am Wochenende hatte es einen angeschissen. Rauchen war während des Postens stehen  natürlich verboten. Wachdienst nach Vorschrift hieß, es wurde aller zwei Stunden der Posten gewechselt. Allerdings lief der Wachdienst meist wie folgt ab:
18.00 erfolgte die Wachablösung. Der Postenführer in der Regel der Wachhabende schaffte einen auf den Posten und die alte Wache begleitete den Wachhabenden zum Wachlokal. Nicht ohne vorher das Gewehr entladen zu haben. Alles erfolgte nach einem streng festgelegten Ablauf. Die Wache lief auf den dafür vorgesehenen Platz und nahm in Reih und Glied Aufstellung. Der Postenführer rief den einzelnen Posten auf. Der trat vor, nahm das Magazin aus dem Gewehr, entsicherte es und lud durch. Der Postenführer kontrollierte ob sich eine Patrone im Lauf befand. Gewöhnlich war das nicht der Fall, ansonsten musste sie entfernt werden. Dann betätigte der Posten den Abzug und sicherte das Gewehr wieder. Dabei durfte die Waffe nie auf Menschen gerichtet werden, sie musste immer schräg nach oben Richtung Himmel zeigen. Auch der Postenwechsel erfolgte nach genauen Vorschriften. Erschien der Postenführer im Postenbereich hatte ihn der Posten wie folgt anzurufen, halt wer da. Der Postenführer musste stehen bleiben und Auskunft geben. Zum Beispiel Postenführer Graichen mit OvD und 4 Soldaten. Erst dann konnte der Postenwechsel vollzogen werden. War die Prozdur endlich beendet hatte man Bereitschaft zumindest theoretisch, denn praktisch galt das nur für den Springer. Der Vize und der E hatten Freizeit. Freizeit hieß man durfte sich im Wachlokal bewegen und seine Zeit mit mehr oder weniger sinnvoller Tätigkeit totschlagen. An erster Stelle stand da natürlich schlafen, gefolgt von Skat spielen. Glücksspiele waren zwar verboten, aber das interessierte keinen. Manchmal nahmen wir auch die Waffen auseinander um zu sehen wer sie am schnellsten wieder zusammenbekam. Wenn man so eine Kalaschnikow richtig auseinander nahm, hatte man schätzungsweise 30 Einzelteile rum liegen. Ich war da richtig gut beim Zusammenbau. Meistens war ich der Schnellste. Genau genommen war das auch verboten, während der Wache solche Spiele zu betreiben. 22.00 Uhr wurde der Postenwechsel gemacht. In den meisten Fällen kam der OvD mit. Dann haute auch er sich aufs Ohr. Für gewöhnlich trafen sich die Soldaten an den Punkten wo die einzelnen Postenwege sich tangierten, quatschten, rauchten oder hörten ihr kleines Postenradio. Auf diese Art und Weise verging die Zeit am schnellsten. Die nächsten Postenwechsel waren 02.00 und 06.00 Uhr. In dem Rhythmus ging es weiter bis 18.00 Uhr. Dann hatten wir 24 Stunden wachfrei um nach dieser Zeit erneut auf zu ziehen. Bei mir lief das Wacheschieben etwas anders ab. Uffz. Graichen war meistens unser Wachhabender. Er war genauso E wie ich und er war während des ersten Diensthalbjahres mein Gruppenführer. Er teilte mir immer Öfter einen Nachtposten zu und zwar den Posten 2. Nach kurzer Zeit stand ich fast nur noch diesen Posten. Der Postenweg verlief hinter unserer Kaserne. Graichen richtete es so ein, das ich 18.00 Uhr auf Posten zog. Kaum war ich auf dem Posten, nahm ich das Magazin aus dem Gewehr versteckte es gut, dass es auch wirklich niemand finden konnte. Im Anschluss verkrümelte ich mich auf die Kompanie fernsehen gucken. Graichen oder die anderen Wachhabenden wussten Bescheid. Passierte etwas Unvorhergesehenes riefen sie auf der Kompanie an und eine Minute später stand ich auf dem Postenweg. Nach dem Postenwechsel haute ich mich aufs Ohr und schlief oftmals bis Mittag. Auf diese Art und Weise war Postenschieben ein angenehmer Shop. Aber Wehe Roos hatte OvD, da mussten wir Dienst nach Vorschrift machen. Der hielt uns die ganze Nacht auf trab. Er wusste ja dass die Nachtposten nach 06.00 Uhr abmatteten  und dies missgönnte er uns. Er teilte  die Nachtposten für gewöhnlich zu irgendwelchen Arbeiten ein. Das Mißviel aber dem Batailloner und bestellte Roos zum Raport.  Roos war wirklich  bescheuert. Er konnte es nicht lassen und versuchte als Kompaniechef in das Wachlokal zu kommen um Soldaten für seinen Blödsinn ab zu ziehen. Uffz. Graichen ließ ihn gar nicht erst in das Wachlokal. Als Roos renitent wurde, rief er den OvD. Der drohte ihn verhaften zu lassen, wenn er sich nicht Augenblicklich davon macht. Wir lachten voller Schadenfreude über seine Dummheit und stimmten das EK – Lied an. Anfang Dezember wurde es bitter kalt. Die Temperatur viel Zeitweise auf minus 20 Grad Celsius. Wir hatten die Oma tief ins Gesicht gezogen. Freiwillig machten wir Dienst nach Vorschrift und wechselten aller zwei Stunden. Auf dem Postenweg 3 befand sich ein Wachturm. Der wurde nur tagsüber besetzt. Wir zogen uns bei der Kälte dorthin zurück, in der Hoffnung die gröbste Kälte fernzuhalten. Die Hoffnung starb zuletzt. Hin und wieder dachte ich, wenn manche wüsten wie hier Wache geschoben wurde, würden sie öfters mal versuchen an Sprit zu kommen.





Montag, 5. September 2011

Die einzig wahren E's



Am 2. November wurde ich zur Wache eingeteilt. Ich war der Soldat von unserem Diensthalbjahr der die wenigsten Wachen gestanden hatte. Das sollte sich nun schlagartig ändern. Uffz. Graichen war der Wachhabende, er teilte die Posten ein und machte die Wachbelehrung. Meise, Bengert und ich ließen uns ans KDL einteilen. Wir wollten unbedingt die Neuen in Empfang nehmen. Erst einmal nahmen wir 17.00 Uhr unsere Waffen in Empfang und mumpelten zwei Magazine mit insgesamt 60 Schuss auf. Beim Munitionsempfang kam die deutsche Pinglichkeit so richtig zur Geltung. Für jede einzelne  Patrone wurde in ein viereckiges Brett ein Loch gebohrt. 120 Löscher befanden sich auf solch einem Brett. Exakt ausgerichtet im Raster 4 x 30. So konnte der Unteroffizier auf dem ersten Blick erkennen ob eine Patrone fehlt. Die Bretter trugen bei uns den Namen Mumpelbretter. Wehe es fehlte eine Mumpel, da hatte man ein Problem an der Backe. Unter der Hand kam man immer an Munition ran, die Uffze. hatten während ihrer Dienstzeit genug Möglichkeiten sich Patronen zu besorgen. Es galt der Tauschsatz eine Mumpel ein Teil Bier. Aber ich passte da immer auf das keine abhanden kam, das fehlte noch, den Hohlkörpern von Unteroffizieren Bier in den Rachen zu schütten. Wenn man bei Manövern mit russischen Soldaten zusammenkam, konnte wer wollte, sich bei den Russen immer welcher erhandeln. Die trugen teilweise die Patronen in den Hosentaschen. 18.00 Uhr zogen wir zur Vergatterung. Der Wachwechsel verlief reibungslos. OvD war Hauptmann Pemsel, ein Offizier der ersten Kompanie. Der war ein richtiger Kampftrinker. Wenn er gut drauf war hatte er während des Dienstes seine Bluse zur Hälfte aufgeknöpft und die Schirmmütze in den Nacken geschoben. Wir nannten ihn Papa Pemsel.
15.00 Uhr sollten die neuen Springer am Bahnhof eintreffen. Graichen teilte uns so ein das wir von   14.00 – 18.00 Uhr am KDL standen. In Gedanken sah ich uns noch einmal durch das Kasernentor fahren. Das war nun genau ein Jahr her. Dann war es endlich soweit die Neuen kamen. Kempe, Kuchta und Heininger fuhren die Lkws. Auf jedem waren 20 Springer. Bengert und Meiße öffneten die Tore. Wir verbeugten uns tief als die drei Fahrzeuge das Tor passierten. Die Beiden schmissen es zu, dass es nur so schepperte. Ich schwenkte schon mal mit dem Bandmaß. Mario und Jens beeilten sich es mir gleich zu tun. Ich schaute in die Gesichter der Neuen. Genau wie bei uns, Angst, Neugier und Ungewissheit schaute vom Lkw herunter. Der Rest des Bataillons hing am Fenster und belegte die Springer. Eine Woche ließen wir sie in Ruhe. Das hatten wir mit Chaleri und Co. so vereinbart. Mit Meise ging ich auf das Zimmer der Springer. Da war ich mir sicher, das würde wieder nach Schema F ablaufen, sie würden versuchen sich zu wehren um dann zusammenbrechen. Als erstes stellte ich uns vor und sagte: Das ist Soldat Meißner und ich bin Soldat Müller vom dritten Diensthalbjahr. Ihr habt richtig gehört Soldat und nicht Gefreiter. Meise ergänzte, das haben wir uns schwer verdient, wir sind die einzig wahren E’s. Weshalb wir hier sind fuhr ich fort, könnt ihr euch denken. Wir werden euch jetzt für den Zimmerdienst bei uns einteilen. Da beist die Maus kein Faden ab, das ist so. Wenn das alles funktioniert wird auch keiner schikaniert.  Die Springer rückten näher zusammen, sie scharrten sich um ihren Wortführer. Er war seinen Kameraden körperlich weit überlegen und schien auch sonst so ein recht helles Köpfchen zu sein. Er hieß Sperling. Schon im Vorfeld hatten Meise und ich ihn ausgekuckt. Wenn wir den knacken hatte der Rest verspielt und das war nur eine Frage der Zeit. Sperling sagte mein Vater ist Oberstleutnant auf der Militärakademie in Dresden und ich weiß bescheid, wie das bei der Armee lang  läuft. Wir lassen uns nicht schikanieren und rumkommandieren. Ich sagte zu ihm, es ist schön dass dein Vater Berufsoffizier ist, da muss ich dir ja nicht lange erklären wie es bei der Armee funktioniert. Dein Vater hat dir bestimmt schon einmal erzählt, das es in der Armee genauso wie bei jeder anderen Arbeit eine Hackordnung gibt. Wer sich daran hält ist ein Teil der Gesellschaft, dem wird es seiner Position angemessen gut gehen. Wer dagegen auflumpert, der wird der Außenseiter sein und Spießruten laufen. Es steht jedem frei sich seine Seite auszusuchen. Der Letzte der versucht hat gegen die ungeschriebenen Gesetzte aufzubegehren, hatte einen Vater im Verteidigungsministerium in Berlin. Den haben sie noch während der Ausbildungskompanie versetzt. Zu den Fußlatschern ergänzte ich, obwohl ich es nicht genau wusste. Aber das klang gut, da wollte keiner hin. Außerdem hast du nicht richtig zu gehört, wir wollen niemanden rumkommandieren, wir wollen nur dass ihr die Arbeit macht die wir vor einem Jahr auch machen mussten und du wirst für mein Bett verantwortlich sein. Die übrige Arbeit kennt ihr ja. Ist das klar? Alle nickten, einige verbittert. Mit Meise hatte ich schon abgesprochen wenn wir fürs erste Mal nehmen. Er zeigte auf Krause, er war der Kleinste von ihnen und du kommst auch mit. Beide trabten uns hinterher. Nachdem sie ihre Arbeit verrichtet hatten schoben wir ihnen eine Flasche Bier zu und sprachen mit ihnen ab, wie das Ganze hier so lang zu laufen hat. Zuckerbrot und Peitsche waren immer noch die besten Mittel. Die Springer und allen voran Sperling mochten mich nicht, dafür hatte ich Verständnis. Aber sie hatten Achtung vor mir und machten im Großen und Ganzen ihre Arbeit. Sperling war gelehrig, er ging auch ohne Probleme mit Bier holen. Eines Tages bat ich ihn Bier für unser Zimmer zu holen. Er maulte rum, wegen zwei Teilen laufe ich nicht zum „Einarmigen“.  Erstaunt sah ich ihn an und fragte wie meinst du das? Na vier müssten es schon sein. Ich sagte da nimmst du eben noch einen mit aus deinem Zimmer. Nein meinte er, die trage ich alleine. 80 Flaschen Bier willst du alleine tragen, fragte ich zweifelnd? Kein Problem, sprach er. Ich stellte ihm vier Teile hin und er trabte ab. Eine Stunde später war er wieder da. Sperling war von der Figur her schon ein Hüne aber das hätte ich ihm nicht zugetraut.
Es war schon erstaunlich was manch einer von unserem Diensthalbjahr für eine Entwicklung genommen hatte. Da war z.B. Guido. Er war immer einer von den Ruhigen, der konnte keiner Fliege was zu leide tun. Eines Tages erlebte ich, wie er einen Springer rund machte der aufzuckte. Erst ließ er ihn den Gang kehren und anschließend seine Schuhe putzen. Dabei schimpfte er wie ein Rohrspatz auf den Springer. Überhaupt war Guido zu einen Unikum geworden. Guido war ja kein Deutscher, er war Sorbe. Bis zur vierten Klasse wurden sie zweisprachig unterrichtet. Er hatte eine sorbische Freundin, die schrieb ihm die Briefe auch in sorbischer Sprache. Nur hatte Guido die schriftliche Sprache verlernt. So musste er immer zu seinem sorbischen Kumpel Sebastian auf die erste Kompanie flitzen. Der übersetzte ihn die Briefe ins Deutsche. Dinge gab es im Leben, da konnte man nur staunen. Auch Thomas Kuchta hatte eine bemerkenswerte Entwicklung genommen. Er war wie die Feuerwehr, wenn die Springer versuchten auf zu lumpern. Ich sagte zu ihm, ich kann mich ganz schwach daran erinnern, dass mir mal irgendjemand im ersten Diensthalbjahr eine Abhandlung über die gerechte Behandlung von Springern erzählt hat. Thomas grinste, ich weis nicht was du meinst. Das jede Medaille zwei Seiten hatte, bekam ich auch beim Wache schieben zu spüren. Als ich noch Chef der Feuerwache war hatte mir Oberleutnant Friedrich vom Sanitätsbataillon einmal richtigen Sackgang bereitet. Er war der leitende Offizier der Feuerwache und hatte unsere Einsatzbereitschaft bemängelt. Immer wieder scheuchte er uns mit Feuerhaken und Löschutensilien durch das Kasernengelände und hielt uns Vorträge über die sozialistische Einsatzbereitschaft. Dieser Offizier erdreistete sich mit fünf Reservisten gegen 23.00 Uhr vorm KDL zu erscheinen um mir zu erzählen, sie wären im Gruppenausgang gewesen. Normalerweise interessierten mich solche Dinge nicht aber bei so einem Vogel passte ich genau auf. Am Ende drehte der noch einem einen Strick daraus. Den Ausgangsschein, sagte ich zu ihm. Er versuchte es auf Kumpel, hör mal lass sie rein du weist doch wie das hier lang läuft, bist doch ein EK. Eben drum, den Ausgangsschein. Er hatte keinen, ich ließ den OvD holen. Das war gut so, keine 14 Tage später wurde er strafversetzt. Sie hatten ihn mit 2,1 Promille am Lenkrad erwischt. Der Polizei hatte er erzählt, er wäre im Einsatz und müsste sich umgehend im Bataillon melden. Lügen haben kurze Beine, sein Geschwafel hatten sie schnell durchschaut. Er war schwerer Alkoholiker und nicht mehr in der Lage ohne Teufel Alkohol zu leben. Überhaupt musste ich sagen, Offiziere die bei uns im Objekt arbeiteten aber nicht zum Bataillon gehörten, legten das Prinzip Leben und Leben lassen immer zu ihren Gunsten aus. Am schlimmsten war der Militärstaatsanwalt. Vom Dienstgrad war er ein Oberstleutnant und hatte eine Sonderstellung. Seine Räumlichkeiten waren gesondert gesichert. Da hatte nicht einmal der Batailloner unangemeldet etwas zu suchen. Dieser Schnösel von Offizier war mir zweimal so richtig dumm gekommen. Als er früh 6.00 Uhr zum Dienst erschien, löffelte er mich voll weil ich den Kragenknopf nicht geschlossen hatte. Er hätte es auf die Freundschaftliche machen können aber er zog es vor mich richtig dumm anzumachen. Das zweite Mal war er der Meinung ich hätte seinen Dienstausweis nicht richtig kontrolliert. Er hielt mir einen Vortrag, sein Passbild könnte ja auch gefälscht sein und nur weil ich zu faul wäre seinen Ausweis vorschriftsmäßig zu kontrollieren könnte sich der Klassenfeind in die Kaserne schleichen. Stumm ließ ich die Kritik über mich ergehen, ich wusste ganz genau, irgendwann kriege ich ihn. Was ging nur in solchen kranken Köpfen vor? Eines Tages war es soweit, er hatte seinen Dienstausweis vergessen. Genau wie Oberleutnant Friedrich versuchte er es auf die kumpelhafte Art. Ich sagte zu ihm, Genosse Oberstleutnant ich habe keine Lust bei ihnen vor Gericht erscheinen zu müssen, weil ich den Klassenfeind hereingelassen habe. Also kehrt Marsch, holen sie ihren Ausweis. Er wollte Aufbegehren. Ich sagte zu ihm, muss ich erst den OvD holen? Er trabte ab.

Donnerstag, 1. September 2011

EK

 Die Tage vergingen im Oktober wie im Flug. Am 21.10.1980 feierte ich meinen 21. Geburtstag. Vom Resi mal abgesehen war ich der zweitälteste auf der Stube. Nur Arno war zwei Jahre älter wie ich. Zur Feier des Tages  holte ich im „ Einarmigen“ zwei Teile Bier. Von Vater und Conny bekam ich jeweils ein Paket. Damit hatte sich mein Geburtstag erledigt. Mit dem Bierholen gab es Anfang Oktober ein paar Probleme. Wir hatten Fahrzeugumstellung, diesmal auf  Winterbetrieb. Für diese Zeit hatte der Batailloner Reservisten von den Motschützen geordert. Als wir unsere Springer nach Bier schickten machten die Späne und wollten sie nicht rauslassen. Bengert, Meise und ich tobten nach unten zu dem Posten. Mario fragte warum lässt du unsere Springer nicht Bier holen? Das wisst ihr ganz genau, rief er und brachte sein Gewehr in Anschlag. Mario lachte und stellte sich vor die Mündung und sagte schieß doch du Weichei. Der Soldat fing an zu jammern, hört auf ich habe Frau und Kinder. Wenn ich jemanden erschießen muss wie soll ich damit Leben. Ich sagte zu ihm, du weißt schon die Schusswaffe ist die höchste und letzte Form der Gewaltanwendung und nur weil wir Bier holen wollen kannst du niemand erschießen. Meise sagte beruhig dich erst einmal, bei uns ist das so, wenn die Wache wegsieht bekommt sie zwei Flaschen Bier und weil du ein Lieber bist bekommst du vier. Wenn sie unsere Leute mit dem Bier erwischen, warst du gerade am anderen Ende das Postenweges. Nach kurzem Überlegen willigte er ein. Das sprach sich bei den Motschützen schnell rum und es gab keinen Ärger mehr.
Einige von meinen Kameraden waren im Erholungsurlaub gewesen. Arno kam aus dem Urlaub nicht wieder, keiner wusste was. Nach vier Tagen kam ein Lebenszeichen von ihm, er lag im Krankenhaus. Als er dann wieder in der Kaserne erschien fehlten ihm die oberen Schneidezähne. Das sah schon ganz schön brutal aus. Es sollten noch ein paar Wochen ins Land gehen bis sie ersetzt wurden. Arno war auf der Landstraße mit seinem Moped unterwegs gewesen, hinter einem Laster. Dieser war mit Zwillingsreifen ausgestattet. Zwischen diesen hatte sich ein Stein verklemmt, der sich irgendwann löste. Das passierte genau in dem Moment als Arno hinter diesem herfuhr. Der Stein traf ihn mitten im Gesicht. Kurz nach diesem Unfall bekam Arno von seinem Bruder Besuch. Zufälliger Weise liefen mir beide über den Weg. Wir setzten uns auf eine Bank im Kasernengelände und genossen die letzte Sommerwärme. Arnos Bruder hieß Arnold und hatte genauso wie er beruflich mit der Fernsehtechnik zu tun. Wir unterhielten uns über das Westfernsehen. Arnold meinte in ungefähr 10 Jahren sind die mit ihrer Technik soweit, das man mit Hilfe der Satellitentechnik in die ganze Welt senden kann. Skeptisch fragte ich, wie soll denn das Funktionieren. Er erklärte mir, dass von der Erde Signale in den Weltraum gesendet werden. Diese würden dann von dem Satelliten aufgefangen und weitergeleitet. Mit einer Antenne die ähnlich wie eine Radarschüssel aussieht kann man die Signale empfangen. Mit anderen Worten du meinst wir könnten dann auch im Raum Dresden Westfernsehen schauen. Arnold nickte, zumindest theoretisch, da brauchst du schon einige Technik und ob diese in der DDR verfügbar wäre, müsste man sehen. In Gedanken sah ich mich schon Westfernsehen schauen. Auf das was man nicht hatte war man besonders scharf. So etwas lag nun mal in der menschlichen Natur. 
Auf der Kompanie gab es bei den Sattelfahrern zwei Springer, diese fielen mir durch ihr Wesen besonders auf. Sie hießen Rosenbaum und Ziege. Beide kannten sich schon vor der Armeezeit und machten in ihrer Freizeit gemeinsam Musik. Sie hatten in ihrem Charakter etwas Aufmüpfiges. Nicht gegen die EK – Bewegung, da ließen die EK’s und Viezen keine Luft ran. Im Gegensatz zu den Tankerfahrern zogen bei den Sattelfahrern alle an einem Strang. Bei uns auf der Stube lag das meistens in Meises und meiner Hand. Aber gegen die Offiziere da waren die Beiden für ihr Diensthalbjahr ungewöhnlich aggressiv. Ich unterhielt mich hin und wieder mit ihnen, vor allem mit Ziege. Eines Tages fragte er mich ob ich das Buch von Eberhard Panitz  kennen würde, Gesichter Vietnams. Ich verneinte und fragte, was ist mit dem Buch? Solltest du mal lesen, da ist eine Abhandlung über My Lai drinnen, da würde mich mal deine Meinung interessieren. Ich hakte nach, du meinst das Kriegsverbrechen in Vietnam mit dem Calley. Genau dieses, antwortete er. Ich nahm mir vor im nächsten Urlaub kaufst du dir das Buch. Urlaub war das Stichwort meinen EU für das zweite Diensthalbjahr musste und wollte ich noch nehmen. Ich fuhr zu Conny und Thomas nach Heidenau. Conny meinte Thomas ist nachts ein ganz schöner Schreihals, man kommt kaum zum Schlafen. Conny selber machte einen relativ aufgeräumten Eindruck.  Die Nachwehen der Geburt schienen langsam zu verblassen. Ich raffte mich auf und ging zur Betriebsgewerkschaftsleitung ( BGL ) und bat um Unterstützung bei der Wohnungssuche. Man versprach mir, nach Beendigung des Wehrdienstes, mich bei der Suche zu unterstützen. Der Betrieb hätte schon einen gewissen Einfluss bei der Vergabe von Wohnungen in und um Dohna. Einen Tag verbrachte ich mit Becki, Roland und Hüni. Es tat mir persönlich gut solche Freunde zu haben, wo man sich ausheulen konnte und die auch mal zuhörten. Viel zu schnell war der Urlaub wieder um. Diesmal nahm ich einen Zug eher nach Erfurt um mir den Ärger mit der Militärpolizei zu ersparen. Vor Reiseantritt kaufte ich mir im Zeitungskiosk das Buch von Panitz. Um mir die lange Weile zu vertreiben, lief ich durch den Zug. Die Mitropa hatte einen kleinen Verkaufsstand eingerichtet. Ich schaute schon einmal was für Bier die hatten. Wenn es Gutes war würde ich auf dem Rückweg mir zwei Flaschen mitnehmen. Beim Einsteigen hatte ich es schon gesehen. Die Bundesbahn hatte zwei Kurswagen anhängen lassen. Gemütlich bummelte ich durch die beiden Hänger. Auf einmal blieb ich verwundert stehen. Die DSG hatte ebenfalls einen kleinen Verkaufsstand und was es da alles gab, es war unglaublich. Sprenglerschokolade, Toblerone, Getränke in Büchsen, Bier und Limonade und noch vieles Andere aus der BRD. Verwundert fragte ich den Verkäufer und das verkaufen sie hier für DM. Nein, meinte er, wir nehmen immer die einheimische Währung. Fassungslos schaute ich ihn an, das ist doch nicht ihr Ernst? Aber selbstverständlich gab er halb beleidigt zurück. Ich erkundigte mich nach den Preisen. Die waren ähnlich wie die der Mitropa. Ich hatte noch nie Bier und Limonade aus Büchsen getrunken. Ich kaufte fünf Büchsen Dortmunder Union, zwei Büchsen Coca Cola und zwei Büchsen Sprite. Das verpackte er mir alles noch in einen schicken Plastikbeutel. Stolz wie Graf  Koks marschierte ich von dannen und konnte es immer noch gar nicht fassen. Eine Büchse Bier wollte ich gleich trinken und den Rest mit meinen Kameraden teilen. Das Ergebnis wirkte ernüchternd, das Bier schmeckte nach Büchse und wurde auch nur mit Wasser gebraut. Was hatte ich eigentlich erwartet? So richtig war ich mir darüber selber nicht im Klaren. Es gab auch wichtigeres im Leben. Aber es kam aus dem Westen und nur das zählte. Am nächsten Tag testeten meine Kameraden die Getränke. Bei der Coca Cola kamen wir mehrheitlich zum Schluss der Vita Kola von uns kann sie das Wasser nicht reichen. Die Sprite wäre dem Margonwasser sehr ähnlich und genauso gut. Beim Bier fehlten uns die Vergleichsmöglichkeiten. Die Dose schmeckte deutlich hervor. Dosenbier gab es bei uns keines. Das Dortmunder Union müsste man mal aus der Flasche trinken, da hätte man einen reellen Vergleich.
Wenn ich Zeit hatte setzte ich mich hin und las das Buch, Gesichter Vietnams. Es enthielt verschiedene Abhandlungen. Unter anderen von einem ehemaligen Fremdenlegionär der in Dresden geboren wurde. Der Artikel über My Lai erschütterte mich. Hinter dem Leutnant Calley versteckten sich höhere Offiziere die auf einmal an Gedächtnisschwund litten. Frauen und Kinder erschießen war die eine Seite, aber der Vietcong die Andere. Der Vietcong war keine reguläre Armee und viel somit auch nicht unter die Genfer Konvention. Das die Frauen und Kinder für ihre Ziele missbrauchten war auch ein Verbrechen. Ich unterhielt mich mit Ziege darüber. Einig waren wir uns darüber das die USA der Aggressor war. Was da passiert ist, war eine unglaubliche Schweinerei. Die hatten in Vietnam nichts zu suchen, die USA müsste als Land vor Gericht stehen. Den Calley vors Loch zu schieben war für sie das Einfachste, machte das Geschehene aber nicht besser. Was Ziege und mich beschäftigte war die Frage, was passiert wenn mir nach Polen einrücken müssten. Genfer Konvention was besagte die eigentlich, im Politunterricht ist sie noch nicht einmal erwähnt wurden. Auch wenn ich da immer schlief, wäre das auf den Stuben ein Gesprächthema gewesen. Was würde ich machen, wenn ich in so eine Situation kommen würde? Ich verbannte die Gedanken in die hinterste Ecke der Welt. Ich wollte gesund und munter von der Armee nach Hause kommen, das stand für mich im Fordergrund. Da half die erste Lektion die ich bei der Armee gelernt hatte, niemals freiwillig melden.
Am 30.10. wurden die Resis und E’s entlassen. Jetzt waren wir die Alten und feierten uns selbst, wie wild schwenkten wir unsere Maßbänder und sangen unser EK – Lied. Einen Tag später erfolgte die Beförderung zum Gefreiten. Laut und deutlich ertönte der Dank des Beförderten, ich diene der Deutschen Demokratischen Republik. Mir blieb dieser Spruch erspart. Roos meinte die Nichtbeförderten sollten einmal darüber nachdenken warum sie nicht beförderten wurden. Insgesamt waren es drei Mann die es betraf, Mario Bengert, Jens Meißner und mich. Bei allen dreien rief die Nichtbeförderung unterschiedliche Reaktionen aus. Mario war richtig enttäuscht und sagte ich versteh das gar nicht. Wirklich, fragte ich Mario? Mario wurde aggressiv, du willst es mir doch nicht etwa sagen. Doch Mario, antwortete ich. Du hast den Tankhänger umgekippt. Mit der Nichternennung zum Gefreiten bist du doch gut davon gekommen. Mario schäumte, wie oft soll ich es dir noch sagen, ich war nicht schuld. Die Feder war gebrochen. Ich schüttelte den Kopf, du weist es besser und ließ ihn stehen. Meise wurde nachdenklich und meinte, da sieht es nicht gut aus für meine christliche Seefahrt. Wenn ich nicht befördert werde, kann ich das knicken. Ulf schleimte ich verstehe das gar nicht, dass sie dich nicht befördert haben. Ach nein sagte ich angefressen zu Uschi, wer hat sich den immer hinter Meise und mir versteckt, wenn es darum ging die Springer auf Vordermann zu bringen. Ihr alle hier! Bei den Sattelschleppern gab es so was nicht. Es wurde ruhig auf dem Zimmer. Keiner sagte etwas, ich dafür umso mehr.  Rudi gehst du die neuen Springer aufs Zimmer holen. Er schaute mich nur an und schüttelte den Kopf. Ist auch nicht weiter schlimm, aber hört auf so rum zu schleimen. Ich war stolz darauf nicht befördert wurden zu sein und sagte ein Teil Bier heute Abend bezahle ich. Die peinliche Stille löste sich. Ich ging zu meinem Spind und diesmal knickte ich meine Schulterstücke selber und zwar längst. Jeder hatte eben seinen eigenen Stolz und das war meiner!!!

Dienstag, 30. August 2011

Der unsinnigste Befehl

 Der 7. Oktober rückte näher. An diesem Tag stand der Republikgeburtstag an. Zu Ehren des Geburtstages sollte wieder ein Tag der offenen Türe veranstaltet werden. Es wurden Fahrzeuge ausgesucht die auf dem Exerzierplatz zur Schau gestellt werden sollten. An den Exerzierplatz schloss sich der Fußballplatz nahtlos an. Beide waren durch Zierelemente aus Beton optisch vom voneinander getrennt. Fußballspielen war uns untersagt wurden. Es gab nach den Spielen zu häufig Innendienstkranke. Soldat Tröger von der zweiten Kompanie rangierte seinen Sattelschlepper mit Panzermunition auf dem Exerzierplatz ein, als ich gerade über diesen lief und in den Armeekonsum( MHO - Militärhandelsorganison ) wollte. Er fuhr rückwärts in die Betonelemente, diese  kippten langsam aber sicher nach hinten um. Der Batailloner schaute zufälliger Weise aus dem Fenster und bekam einen Schreikrampf. Er brüllte, ich mache einen Bataillonsappell, so etwas kann doch nicht sein. Ich dachte da gibt es Schlimmeres, ein Unfall kann  jeden einmal passieren. Ich sah zu das ich in die MHO kam, ehe der seinen Appell abhielt. Und wirklich wegen so einem Unsinn machte er seinen Bataillonsappell. Es klang schon merkwürdig wenn er redete, für seinen Sprachfehler konnte er nichts aber er übertraf sich selber. Nach dem er seine Abhandlung über Unfälle erläutert hatte sprach er, ich befehlee ab heute werden keine Uunfällee meehr gemacht!! Das ganze Bataillon bog sich vor lachen, einschließlich der Stabsoffiziere. So einen unsinnigen Befehl hatte noch keiner gehört. Nach dem Appell setzte Soldat Tröger die Betonelemente neu. Die Arbeit dauerte keine Stunde. Am nächsten Morgen war wieder Bataillonsappell. Die vorzeitigen Beförderungen standen an. Aus unserem Zimmer war es Rudi der zum Gefreiten befördert wurde. Gefreiter Graichen wurde wieder zum Unteroffizier  und Schroth wieder zum Gefreiten befördert. Als ob den das noch so kurzfristig vor der Entlassung anheben würde. Naja egal, jedenfalls hatte Zirl eine kleine Ehrentribüne aufbauen lassen. Er erwartete den SED – Bezirkschef des Bezirkes Erfurt und den Oberbürgermeister der Stadt zu Besuch. Im Vorfeld des Ereignisses hatten wir stundenlang Exerzieren geübt immer schön im Paradeschritt. Bestimmt versprach sich Zirl persönlich etwas davon. Am Vormittag des 7. Oktobers schaute ich mir einmal die Technik des Sanitätsbataillons an. Die verschiedenen OP – Zelte und die Fahrzeugtechnik.  Das war schon einmal ganz interessant. Eines dieser Fahrzeuge war ein Amphibienfahrzeug. Das Grundmodel basierte auf  dem Saporoshez. Dieses Fahrzeug war ein russischer Pkw. Eigentlich wurde viel über dieses Vehikel gespottet. Dieses hier hatten sie zu einem Cabrio umgebaut, einem Zweisitzer. Auf den hinteren Teil hatte man zwei Plasteliegen für Verletzte montiert. So etwas hatte ich noch nie gesehen, ich fragte mich schon ob das Funktionierte. Das Fahrzeug fuhr der Feldscher. Der war 100 Prozent von der Tauglichkeit des Schwimmautos überzeugt. Nach dem Mittagessen traten wir vor der Ehrentribüne an. Der OB, der Parteichef und Zirl hielten eine Rede. Es war die reinste Selbstbeweihräucherung, was anders konnte man auch nicht erwarten und wir Soldaten konnten sowieso nicht weglaufen. Nach den Reden erfolgte der Vorbeimarsch an der Tribüne. Im Paradeschritt zogen wir los. Zuerst die erste Kompanie, dann die Zweite, ja und dann haute es mich bald weg. Nach dem die ersten beiden Kompanien vorbeimarschierten waren folgten wir. Kaum waren wir an der Tribüne angelangt brüllte Roos, im Laufschritt marsch. Wir rannten an der Tribüne vorbei. Zirl fehlte einfach die Ruhe und Cleverniss um angemessen zu reagieren. Nachdem ihm der Kiefer nach unten geklappt war brüllte er, Major Roos sofort zu mir. Roos ignorierte das Schreien von Zirl und machte ihn vollkommen zum Obst vor seinen Ehrengästen. Zirl stürzte von der Tribüne Roos hinterher. Als er ihn eingeholt hatte, schrie er ihn an, wir sehen uns heute noch in meinem Dienstzimmer 17.00 Uhr, haben sie mich verstanden. So lustig wie das für uns war, zeigte es doch die Disziplinlosigkeit von Roos und sein ganzes schizophrenes Verhalten. So einer forderte von uns strengste Disziplin und Gehorsam und war doch selber die Verkörperung des Bösen. Ich fragte mich was in solch einem Kopf nur vor ging.
Noch war es ein knapper Monat bis wir E’s wurden. Die Truppe um Chalerie war schon schwer drauf, wir wollten in diesem Halbjahr noch einmal  in den Ausgang.  Luderer hatte ein paar Tage Urlaub, da trug ich mich schnell in das Ausgangsbuch ein und bekam den Ausgang auch genehmigt. Ich ging gerne  mit der alten Truppe von der A - Kompanie in den Ausgang. Da war immer was angesagt. Freitag Abend zogen wir los und wir ließen die Sau raus. Wir sangen voller Inbrunst das EK – Lied und mit besonderer Hingabe den Refrain: Und dann ziehen wir durchs KTP und scheißen auf die Volksarmee. In der Innenstadt von Erfurt kam das mehr oder weniger gut bei der Bevölkerung an. Auf alle Fälle war es ein kultureller Beitrag von unserer Seite. Wo solch gut gelaunten Sänger wie wir unterwegs waren, war in die Militärstreife nicht allzu weit und so war es auch diesmal. Wir liefen ihnen genau in die Arme. Das wirkte schlagartig ernüchternd auf uns. Alles Schlechte was ich bisher mit  diesen Konsorten erlebt hatte wurde in 5 Minuten als Lügen gestraft. Der Kommandeur der Streife, ein Leutnant, begleitet von drei Soldaten mit MPI sagte zu uns, folgen sie mir bitte in die nächste Seitenstraße. Ich dachte so wie wir uns benommen hatten war es das  für den Ausgang und die Bestrafung wäre die logische Folge. Als wir in die Nebenstraße eingebogen waren sagte er zu uns, nehmen sie Haltung. Wir rissen die Hacken zusammen, so wie sie sich benommen haben müsste ich sie einsperren lassen. Als erstes stellen sie ihre Anzugsordnung her. Für mich hieß das den Schlips umbinden, für andere die Schirmmütze aufsetzen und eigentlich für jeden die Jacke zu schließen.  Es geht doch meine Herren, sprach der Leutnant.  Haun sie ab und benehmen sie sich, so möchte ich sie heute Abend nicht noch einmal erleben. Wir brüllten, jawohl Genosse Leutnant und verschwanden ganz, ganz schnell.

Der Ural

Das Leben in der Kaserne wurde durch die Polenkrise immer unruhiger. Meise und Dietmar rückten zu einer Kommandostabsübung aus. Gott sei Dank betraf das von unserer Kompanie nicht allzu viel Soldaten. Von den Sattelschleppern rückten auch noch einige aus. Die Übung fand auf dem Truppenübungsplatz in Nochten statt. Das war einer der größten Übungsplätze in der DDR. Es war auch Derjenige der am Nächsten zu Polen lag. Die DDR war ja nicht allzu groß, viele Möglichkeiten gab es keine um solche Plätze anzulegen. Den in Nochten hatten die Russen 1945 nach Beendigung des Krieges eingerichtet. Die NVA hatte ihn dann irgendwann nach ihrer Gründung übernommen. Der zog sich ungefähr bis 5 Kilometer an die polnische Grenze heran. Den Grenzverlauf zu Polen bestimmte die Neiße. Die Neiße entsprang im Isergebirge nahe der Stadt Jablonec ( Gablonz ). Nach wenigen Kilometern und einiger kleiner Stauseen erreichte sie Polen, um ab Zittau den Grenzverlauf zu bilden.  Ungefähr10 Kilometer hinter Guben mündete sie in die Oder. Viele Dörfer und Städte waren zweigeteilt. Meistens lagen der größere Teil der Ortschaften auf deutscher Seite. Genau genommen  gehörte die Region des Bezirkes Dresden zu Mitteldeutschland. Aber mit Beendigung des zweiten Weltkrieges wurde Deutschland geteilt und Schlesien kam zu  Polen. Aus diesem Grund sprach  der Volksmund von Ostdeutschland ( DDR ) und Westdeutschland ( BRD ). Das sich die Russen die Gegend um Nochten als Übungsplatz ausgesucht hatten, lag wahrscheinlich an der Landschaft. Riesige Kiefernwälder und Sandböden prägten die Region, wie in der Taiga. Unterbrochen wurde die Einöde durch große Braunkohletagebaue. An dem Tag als Meise und Dietmar nach Nochten ausrückten, wurde ein Ural mit Kastenaufbau in die Kaserne geschleppt. Er war von irgendeiner Thüringer Truppe die mit zu dieser Kommandostabsübung sollte. Um den Lkw reparieren zu können, musste der KFZ - Schlosser in den Kastenaufbau. Als er ihn öffnete kam es zum Eklat. Der Ural war vollgestopft mit Särgen. Schleunigst berief Zirl einen Bataillonsappell ein um die Situation zu beruhigen. Er argumentierte dass es in allen Bereichen des täglichen Lebens zu tödlichen Unfällen kommt. Niemand nehme daran Anstoß, außer den unmittelbar betroffenen Angehörigen. Genauso wäre es bei der Armee. Durch den Gebrauch von Schusswaffen und einer besonders hohen Konzentration von Menschen und Material sei die Gefahr nun einmal gegeben das es zu einer erhöhten Anzahl von Unfällen bei Übungen kommen kann aber nicht zwangläufig muss. Für den Fall der Fälle verlangt es der menschliche Anstand und die Pietät das entsprechende Utensilien bereit stehen und ständen. Das klang alles logisch und genau genommen wusste jeder von uns,  der Oswin lauert über all. Nur war es immer etwas anderes, wenn man näher damit konfrontiert wurde. Im Gegensatz zu den Sattelschleppern waren Meise und Dietmar relativ schnell von der Übung wieder zurück. Bei der Übung gingen die Wälder um den Schießplatz in Flammen auf. Es war ja auch relativ Trocken und warm in den letzten Wochen gewesen. Schnell mussten die Beiden ihren Diesel an die kleineren und wendigeren Uraltanker abgeben und die Gefahrenzone verlassen. Meise erzählte die Mucker schliefen in Erdlöschern während der Übung. Auch sie sollten das und hatten sich eine Erdmulde gebuddelt. Wären aber Abends in ihre Lkws geschlichen. Das Essen war erstaunlich gut gewesen. Bei den Panzerfahrern des  4. Panzerregimentes kocht ein Fähnrich und der hätte richtige Ahnung, der würde aus Kienäppeln noch etwas zaubern.
Aber auch für die Offiziere wurde es während der Polenkrise  ungemütlicher. Es wurden immer öfters Schießübungen angesetzt. Der Pistolenschießplatz befand sich auf unserem Kassernengelände gleich neben der Kompanie. Die Offiziere suchten auf freiwilliger Basis Soldaten, die die Schießscheiben wechselten. Von unserer Stube war Mario wie das Messer, wenn es ums Schießen ging. Da war er so etwas von geil drauf, es war einfach unglaublich. Er spekulierte darauf auch einmal mit der Pistole schießen zu dürfen. Mit der Spekulation  lag er genau richtig. Die Buckels suchten ein paar Dumme die ihre Pistolen putzten und das machte derjenige der mit der Pistole zuletzt schoß. Logischer Weise waren das immer die Soldaten. War eine Schießübung für Offiziere angesetzt, Mario meldete sich immer freiwillig. Es störte ihn überhaupt nicht, das er sich zum Handlanger der Offiziere machte. Auch als es um das Schießen für die Schützenschnur ging, war Mario in der ersten Reihe. Stolz heftete er sich die Affenschaukel an die Jacke. Für diesen Unsinn hatte ich nur ein müdes Lächeln übrig.
Roos hatte mal wieder OvD. Da war wieder richtig Sackgang angesagt. Ich wollte eigentlich in den Ausgang. Der verzögerte sich gewaltig. Roos machte die Wachablösung nach Dienstvorschrift, das behauptete er zu mindesten. Ich hatte eher den Eindruck es war seine persönliche Dienstvorschrift, die da zur Anwendung kam. Die zweite Kompanie sollte die Dritte ablösen. Roos hatte alles zu bemängeln, das fing bei der Kleiderordnung an und endete bei der Reinigung des Wachlokales. Was gewöhnlich eine halbe Stunde dauerte, dauerte zwei Stunden. In dieser Zeit ließ Roos niemand in den Ausgang. Zu guter Letzt verlangte Roos den Wachaufzug mit Marschgesang. Den Gefallen tat die zweite Kompanie Roos gerne. Sie sangen das EK – Lied. Heinz Roos, Heinz Roos bald sind wir dich nun los, dann kannst du wieder striezen, die Springer und die Viezen. Roos lachte böse, mir war schon klar er würde aller zwei Stunden den Wachwechsel persönlich kontrollieren. Hier zeigte sich die ganze Kameradschaft die unter uns Soldaten herrschte. Weder die Soldaten der Zweiten noch wir der Dritte machten untereinander Stress wegen der Blödheit der Offiziere. Da war eher ein Bedauern das man solchen Idioten ausgesetzt war.  So begann unser Ausgang mit Verspätung. Ich hatte diesmal Glück gehabt das Luderer mir den Ausgang nicht gestrichen hatte. Vielleicht  lag es auch daran, dass ich in das Ausgangsbuch nur meinen Familiennamen geschrieben hatte. Es gab ja noch mehr Müllers. Kaum waren wir in der Innenstadt angelangt lief uns die Militärstreife über den Weg. Sie ließ uns in Ruhe. Aber das wirklich interessante waren die Wachsoldaten die den Offizier bekleideten. Einer von ihnen war Lutz Scheunert, den hatten sie ja Ende des ersten Diensthalbjahres von unserem Bataillon in den Divisionsstab versetzt. Da hatte dieser Schleimbeutel ja die richtige Tätigkeit. Er grüßte zu uns rüber, keiner von uns grüßte zurück. Wir fühlten uns unangenehm berührt von dieser Begegnung. Hoffentlich begegnet der mir mal nicht auf einer Fahrt Richtung Heimat. Ich hatte einmal während des Urlaubs Hüni von diesem Menschen erzählt. Hüni fragte wie heißt der? Lutz Scheunert, wiederholte ich.  Mit dem Rindvieh habe ich gelernt sagte Hüni, ein übler Bursche, er war der Zuträger beim Lehrmeister. Einmal ist dem ein Hammer ins Gesicht gefallen, da konnte er sein Zähne neben dem Amboss aufsammeln. Aber sein Vater war ja Zahnarzt, der hat ihm eine schöne Prothese gebastelt. Manchmal trifft es eben doch die Richtigen.

Freitag, 26. August 2011

Sticheleien

 Das die Soldaten Diensthalbjahresweise lagen sollte die EK Bewegung eindämmen. Das ging schon mal nach hinten los. Es hatte aber noch einen anderen Nachteil, anfänglich war er nicht zu erkennen. Mit fortschreitender Zeit kristallisierte es sich immer mehr heraus. Die Hackordnung fehlte. Niemand musste sich dem Anderen auf dem Zimmer unterordnen, eigentlich waren wir gleichgeschaltet. Das führte automatisch zu Konflikten. Gewöhnlich entluden die sich in kleinen Sticheleien und Spöttereien. Ich war von Haus aus in die Richtung veranlagt, dieser Umstand verstärkte meine Neigung. Ich fand schnell die Schwächen Anderer heraus und konnte darin stundenlang rumpulen. Damit hatte ich kein Problem. Irgendwann, die Meisten von uns lagen faul auf den Betten, fing Bengert an von seiner Freundin zu erzählen. Ihn musste der Teufel geritten haben, als er meinte sie arbeitet bei der Staatssicherheit. Glauben tat ich es ihm nicht, er wollte sich bestimmt nur wichtig machen. Da ist deine Freundin wohl eine richtige Rote, hörte ich Meise fragen? Ich schaute zu Meißner, der grinste und ich legte noch einen drauf. Da sind die Kommunisten wohl nicht nur manchmal im Busch, sondern ständig bei dir zu Hause? Das Zimmer jubelte, Bengert meinte wir wären dumme Schweine. Ich sagte zu ihm dumme Schweine sind besser wie Rote. Ach lasst mich doch in Ruhe, brummte er. In den nächsten Tagen stichelten wir immer wieder. Meise trällerte rot für dich rot für mich. Das fand ich gut und viel in den Gesang mit ein. Bald darauf sang es das ganze Zimmer. Bengert hatte die Schnauze endgültig voll und schrie wenn ihr nicht aufhört haue ich euch allen ein paar rein.  Wir lachten ihn aus. Auf einmal meinte er, ich habe euch gewarnt, ich mache Meldung wenn ihr nicht aufhört. Das zog, davor hatten fast alle Angst und hörten auf. Ich wollte es näher wissen und fragte ihn, was willst du denn melden und bei wem willst du es melden? Bengert schaute mich mit großen Augen an und wusste nicht so recht was er sagen sollte. Na dem Roos werde ich es sage, ich lachte ihn aus. Der wird sich aber bei dir bedanken und dich ab treten lassen. Bengert wurde aggressiv, das wird der sich überlegen wenn ich ihm sage ihr habt euch über die Stasi lustig gemacht. Das haben wir ja gar nicht über dich haben wir uns lustig gemacht, du Kameradenverräter. Du bist doch nichts weiter wie ein Arschloch sagte ich zu ihm. Bengert flippte vollkommen aus und brüllte mich an, dich schlage ich kurz und klein, du Rindvieh. Da war er bei mir genau richtig. Das kannst du machen sagte ich zu ihm, ich suche schon seit einem viertel Jahr jemanden der mir meine Gebisssanierung bezahlt, ich werde mich auch nicht wehren. Er drehte völlig frei, komm sofort mit raus das regeln wir gleich. Ich ging in den Duschraum, er kam hinterher getobt. Na los fang an, hier ist mein Kinn da kannst du mal ordentlich drauf haun. Bengert war verunsichert und fragte warum machst du das? Was mach ich denn? Du hast doch vor Allen erzählt deine Freundin ist bei der Stasi. Da werden die sich aber bei dir auch recht schön bedanken, dass du so etwas erzählst. Mit dem bisschen Spott bist du doch gut bedient. Auch dass du mich kurz und klein schlagen willst hast du vor acht Zeugen erzählt. Da hätten wir gar nicht raus gehen brauchen, das kannst du auch auf dem Zimmer machen. Bengert wurde ruhiger und meinte von der Seite habe er das nicht betrachtet. Weist du was, ich hole heute Bier und dann trinken wir einen drauf. Klingt gut, sagte ich. Bier holen können die Springer, es langt zu wenn du es bezahlst. Lachend gingen wir aufs Zimmer. Kummer nahm mich in einem ruhigen Moment bei Seite. Was hast du denn dem erzählt, dass er sich so schnell ein bekommen hat?  Mein lieber Uwe eigentlich nichts weiter. Ich habe ihm klar gemacht jede Medaille hat zwei Seiten.
Meise war bei uns der Stubenälteste, das akzeptierte jeder, das war in Ordnung. Nach dem zweiten Frühstück auf dem Zimmer sagte er zu Ulf, wisch doch mal bitte den Tisch ab, wenn der Roos reinschaut gibt es sonst wieder Ärger. Ulf war zickig und rief immer ich. Du bist auch immer der Letzte, sagte Meise und dann hast du dich immer wie ein Mädchen. Ulf lachte albern. Man das klingt wie bei so einer Uschi schimpfte Arno. Das war die Geburtsstunde von Ulfs Spitznamen. Er war ab jetzt unsere Uschi. Unbedingt rief das bei ihm kein Frohsinn hervor. Je mehr er sich ärgerte, umso lieber riefen wir ihn Uschi. Den Namen wurde er nicht mehr los. Eigentlich war es nicht üblich dass ein Geburtstagskind von uns beschenkt wurde. Wer Geburtstag hatte der musste ein Teil Bier ausgeben und damit war die Sache erledigt. Meise meinte, dem müssen wir genau das Richtige schenken. Kümmerli sagte Lockenwickler wären nicht schlecht, genau rief Bernhard jeder bringt aus dem Urlaub irgendein Utensil mit. Da ich aber erst im Sonderurlaub war, konnte ich nichts mit beisteuern. Es war schon amüsant was da zusammen kam. Ein Haarnetz, Strumpfhosen, Lockenwickler, Damenparfüm und noch einiges mehr. Meise schrieb die Glückwunschkarte. Unserer lieben Uschi alles Gute zum Geburtstag, dann unterschrieben alle. Als er eingeschlafen war packten wir es auf den Tisch. Am nächsten Tag hatte Roos Frühdienst. In seiner ungehobelten Art stürzte er schon halb Sechs in die Zimmer, damit wir auch alle schon bei Zeiten wach waren. Er sah die Geburtstagsgeschenke und begutachtete sie, er nahm die Glückwunschkarte und las. Während meine Zimmerkameraden so taten als schliefen sie tief und fest, schaute ich was Roos  veranstaltete. Er bekam es mit das ich ihn beobachtete.  Müller brüllte er, damit auch alle munter wurden, wer ist Uschi? Ulf schlief im Doppelstockbett neben mir, oben. Ich zeigte grinsend mit dem Daum nach ihm. Roos lachte los, das habe ich mir schon fast gedacht, der sieht auch so aus und polterte aus dem Zimmer. Wir hatten aber auch noch andere Hobbys, als sich untereinander zu ärgern. Wir hörten in unserer Freizeit gerne und viel Radio. In Thüringen empfingen wir genügend deutschsprachige Radioprogramme. Ostdeutsche Sender wollten wir natürlich nicht hören. Was verboten war reizt doppelt. Am liebsten hörten wir Hitparaden. Da hatte fast jeder Sender seine Eigene. Das Musikangebot war viel weitergefächert als in der DDR. In der DDR gab es ende der 70ziger Jahre eigentlich nur zwei Hauptrichtungen was die Unterhaltungsmusik anging. Das waren Schlager und deutsche Rockmusik. In der BRD sah das alles etwas anders aus. Da gab es Rock and roll, Country, Schlager, Rockmusik, Chansons, Blödelmusik und noch einiges mehr. Ich will nicht sagen dass es das bei uns nicht gab, aber die meisten Musikrichtungen davon  besetzten bestenfalls Nischen. Im Radio hörte man solche Musik nicht. Bands wie Torfrock und Truckstopp lösten bei uns schon Jubelstürme aus.

Donnerstag, 25. August 2011

Der Freundschaftswettkampf

Schnell war man in den Trott der Armee zurück gekehrt, der militärische Alltag holte einen fix ein. Eines Tages hieß es, es würde sportliche Freundschaftswettkämpfe mit den sowjetischen Soldaten geben. In den Disziplinen 3000 Meterlauf, Handgranatenweitwurf, Weitsprung, Schießen und Sturmbahnlauf sollten die Besten ermittelt werden. Von unserer Kompanie hatten sich unter anderem Thomas Kuchta und Andreas Kempe gemeldet. Es war ein Wochenende an dem der Wettkampf statt fand. Die russischen Offiziere kamen uns auf den Kompanien besuchen. Sie waren freundlich und nett  und brachten kleine Geschenke mit. Einer der Offiziere machte einen kleinen Pappkoffer auf  und legte aufs Zimmer mehrere Schachteln Zigaretten. Misstrauisch begutachteten wir die Schachteln. Mühsam entzifferte ich die kyrillischen Buchstaben, Siwernye hieß die Sorte. Meise machte eine Schachtel auf. Es waren filterlose Zigaretten. Der lange Müller roch an ihnen und sagte die riechen wie russisches Steppengras, wir lachten. Meise zündete sich als erster eine an, er rauchte sowieso meistens filterlose Zigaretten. Er meinte, die schmecken wie getrocknete Kamelscheiße. Sie stanken wirklich fürchterlich. Ich sagte, das muss man positiv sehen, da fallen die Mücken Tod von den Wänden. Ich probierte auch eine. Nach der Hälfte drückte ich sie aus. Das Steppenkraut war ziemlich stark und schmeckte wirklich nicht besonders. Ich meinte zwei Schachteln stecke ich mir  ein, wenn man mal wieder knapp bei Kasse ist, müssen die eben reichen. Wir teilen die Schachteln unter uns Rauchern auf. Zum Wettkampf ging ich nicht, er fand ja in der Freizeit statt, da konnten die mich alle mal. Lieber haute ich mich in die Koje und lauschte am Bettzipfel. Die Auswertung des Wettkampfes war interessant. Die Russen hatten drei von fünf Disziplinen gewonnen. Aber die Plätze zwei bis fünf belegten unsere Soldaten. In der Mannschaftswertung waren wir Deutschen einfach besser. Hoffentlich wurden die russischen Soldaten nicht bestraft. Sie wurden sowieso wie Tiere gehalten. Einmal hatten wir während des ersten Diensthalbjahres eine russische Kaserne besucht. Die Soldaten schliefen in Sälen bis zu 70 Personen. Sie hatten einen einzigen Schrank. Der war endlos lang und mit Schiebetüren versehen. Die einzelnen Fächer und Regale waren durchnummeriert und den Soldaten zugeteilt. Zwei Jahre mussten sie in Deutschland dienen, davor ein Jahr in ihrer Heimat. Einen Anspruch auf Heimaturlaub gab es nicht, der konnte gewährt werden. Ausgang war nur in Gruppe möglich.  Die russischen Kasernen sahen meistens verkommen aus aber pik sauber waren sie von innen.  Die russischen Soldaten durften  nicht einmal auf unsere Kompanien, damit sie nicht sahen, wie „luxuriös“  die NVA – Soldaten lebten. Da fragte man sich schon, wie konnte so eine Armee den Weltkrieg gewinnen. Denn die kriegsentscheidenden Schlachten hatten nun mal die Russen gewonnen, und nicht die Amerikaner oder die Engländer, von den Franzosen ganz zu schweigen. Laut durfte man so eine Frage natürlich nicht stellen. Davon mal abgesehen hatten die Ideologen immer eine Antwort parat.          
Wir versuchten es uns schon gemütlich  auf den Zimmern zu machen. Den Umständen natürlich entsprechend. Meise, Dietmar und Rudi fuhren öfters mal raus um ihren Sprit in andere Kasernen zu fahren. Hin und wieder gingen sie einkaufen, so etwas war natürlich auch eine Kostenfrage. Manchmal brachten sie ein paar Flaschen Fruchtwein mit. Da kam der Liter eine knappe Mark. Die andere Seite war,  solche Dinge gab es schwer zu kaufen. Die DDR verfügte über eine Mangelwirtschaft. Eines Tages brachte Rudi ein Kilo Hackepeter mit rein. Ich hatte aus der Küche ein paar Zwiebeln  besorgt.  Mario und Uwe machte sich ans Zwiebel schneiden, Müller kochte Tee jeder hatte zu tun. Nur ich lag faul auf dem Bett und belegte Mario dumm, nicht böse aber nervend.  Nach einer Weile stand ich auf und wollte auf die Toilette, ich musste an Mario vorbei. Der sagte zu mir, das wird ja Zeit das du fauler Sack dich auch einmal bewegst. Ich sah aus dem Augenwinkel er wollte mir mit einem Gegenstand auf meinen Allerwertesten schlagen. Mit der linken Hand schlug ich gegen dieses ominöse Objekt. Das entpuppte sich als Messer und ich schnitt mir meinen linken Ringfinger bis zum Knochen auf. Mario war genauso erschrocken wie ich und holte schnell ein Pflaster. Das war nach wenigen Sekunden durchgesuppt genauso wie der Verbandsmull den wir dann anlegten. Mario meinte da müssen wir zum Doc, das muss genäht werden. Wir sausten ins Sanitätsbataillon. Der Doc. war nicht mehr da aber der Feldscher. Der Fähnrich hatte von uns den Namen Fleischer verpasst bekommen. Der blühte richtig auf als er den Finger nähen konnte. Die nächste Woche war ich Innendienstkrank. 
Die E`s von den Sattelschlepperfahrern erledigten ihre Einkäufe prinzipiell mit dem Fahrzeug. Samstag nach Dienstschluss war der Fuhrpark oftmals nicht verschlossen, da einige mit ihren Arbeiten am Fahrzeug bis 12 nicht fertig wurden. Die E.s  nutzten das zu Schwarzfahrten. Von den Offizieren war nur der OvD im Bataillon und der wusste nicht bescheid, wer einen Fahrauftrag hatte und wer nicht. Die Wache interessierte es gleich gar nicht. Warum sollten wir unseren eigenen Kameraden Stress machen. Die Fahrzeuge mussten natürlich wieder betankt werden. Die Tatras waren Dieselfahrzeuge. Es langte zu wenn ein drittel des Kraftstoffes im Tank Diesel war. Der Rest konnte Benzin sein. Das mit dem Betanken wurde zum Problem. Die Tankerfahrer hatten Angst. Der Militärstaatsanwalt hatte gerade seinen eigenen Fahrer zu vier Monaten Schwedt verurteilt, als er mitbekam, das dieser Sprit heimlich verkauft hatte, ein exemplarisches Urteil. Mich störte das nicht, ich tankte die Fahrzeuge auf. Was sollte da schon passieren?  Einmal im halben Jahr wurden die Fahrzeuge ausgelitert, mit anderen Worten es wurde nachgemessen wie viel Benzin verflogen war. Jeder Tanker verfügte über einen Kapillarfilter wo die entstehenden Gase entweichen konnten. Klar wenn man andere Fahrzeuge betankt, war der Verdunstungsgrad etwas höher und bei mir war er am höchsten. Ich sagte zu Patschen und  Roos das ist nur logisch, schließlich fahre ich einen von  zwei Tankern mit VK 79. Das niedrig oktanische Benzin verflüchtigt sich nun mal schneller und Unterschiede gibt es zwischen jeden Tanker, das liegt sicherlich an den Filtern. Außerdem gibt der andere VK 79 Tanker sein Benzin öfters mal in Kasernen ab und wird zwischenrein mit neuem Kraftstoff versehen. Das war für beide logisch und sie bohrten nicht weiter nach. Das Tanklager für die Tanker war in Erfurt Marbach. Dort residierte Fähnrich Brausewetter. Der war formell Roos unterstellt, aber eben weit, weit weg. Wenn er mal in der Kompanie auftauchte, brachte er eine Flasche Schnaps mit und verschwand bei Roos im Dienstzimmer. Das war ein offenes Geheimnis, das wusste jeder. Solche Aktionen wie das Betanken und dem Auslitern der Fahrzeuge sprachen sich unter den Soldaten schnell rum und ich galt bald als harter Hund unter ihnen. Das hatte zur Folge, das erste Diensthalbjahr hatte großen Respekt vor mir. Wenn es irgendwelchen Ärger mit ihnen auf dem Zimmer gab, schoben mich meine Zimmerkameraden vors Loch. Ich hatte damit kein Problem.                              
In meiner Freizeit las ich gerne mal ein Buch. Im Bataillon befand sich eine Bibliothek. Viel Schundliteratur gab es da. Das einzig Interessante  war die Bibliothekarin. Als frisch Verheirateter schaute man natürlich nur mit einem halben Auge hin. Im Fernsehzimmer der Kompanie standen in den Schränken auch Bücher herum. Keine Sau schaute da hin. Irgendwann machte ich mir doch die Mühe und stellte erstaunt fest, es standen da mehrere Bücher von Solschenizyn. Es musste schon sehr lange her sein, das hier jemand nachgeschaut hatte. Denn dieser russische Schriftsteller war in der DDR unerwünscht bzw. verboten. Da konnte man mal sehen, wann ein Offizier hier das letzte Mal reingeschaut hatte, vielleicht tauchten hier noch alte Wehrmachtsbücher auf. Ich schnappte mir so ein Buch und fing es an zu lesen. Naja es ging um den großen Vaterländischen Krieg, wie die Russen den letzten Weltkrieg umschrieben. Im Großen und Ganzen beschrieb es  den „ruhmreichen Sieg“ der Sowjetarmee. Das übliche Gelaber, aber halt eine Passage des Buches widmete er dem Einmarsch der Sowjetarmee 1939 in Polen. Das war Interessant. Wenn das stimmte was da stand, hatten die Russen ihren Krieg gegen die Polen  mit den Deutschen gemeinsam geplant. Er ummantelte das natürlich geschickt mit den Worten, zum Schutze der Heimatinteressen haben sie Ostpolnische Gebiete besetzt. So etwas barg natürlich politischen Sprengstoff.  Kein Wunder das seine Schriften im Osten verboten waren.